Arme und Reiche
Der deutsche Staat ist arm, er hat zwei Billionen Euro Schulden. Sie wachsen stündlich. Deshalb gibt die Koalition das Geld, das sie nicht hat, für eine Steuersenkung aus, die darauf hinausläuft, dass 2013 ein Bürger, der 10 000 Euro im Jahr versteuert, 19 Euro spart und einer, der das Zehnfache verdient, 116 Euro. Wie viel spart, wer das Hundertfache verdient? Wenn er sowieso keine Steuern zahlt: gar nichts. Der Arme!
Tschüss, Alice!
Vanessa Hessler, bekannt unter dem Namen »Alice« als Werbefigur einer Telefongesellschaft und ehemals liiert mit Gadhafis umgekommenem Sohn Mutassim, hat jetzt allerlei Törichtes über Libyen von sich gegeben, worauf der Werbevertrag gekündigt wurde. Warum lassen sich attraktive Frauen so gerne mit Tyrannen ein? Sorgt eine ausgleichende Gerechtigkeit dafür, dass Schönheit und Intelligenz nur selten zusammenkommen?
OKTOBER 2011
Ende des Terrors
Die baskisch-nationalistische Eta, die während ihres fünfzig Jahre andauernden Terrors 823 Menschen ermordete, hat »das Ende des bewaffneten Kampfes« angekündigt. Ihr Kampf geht jetzt um den Wahlerfolg ihrer separatistischen Parteien. Die Entwicklung, so Grillparzer 1849, gehe »von Humanität durch Nationalität zur Bestialität«. Dass sie auch umgekehrt verlaufe, gehört zu jenen frommen Wünschen, die zuweilen erhört werden.
Nicht telefonieren!
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gibt ein Faltblatt mit Tipps für das Verhalten bei Terroranschlägen heraus und warnt vor dem Zusammenbruch der Netze: »Telefonieren Sie nur im äußersten Notfall!« Der Ratschlag verdient auch im Normalfall höchste Beachtung. Wohl dem, der kein Handy hat. Oder eins von den neuen, mit dem er ganz für sich, ohne Gesprächspartner, vertraulich reden kann.
Fettarm sterben
Dieser Tage wurde in Dänemark tonnenweise Butter gehamstert. Eine Gesundheitskommission hatte errechnet, dass sich die Lebenserwartung der Dänen um drei Jahre steigern ließe, wenn sie sich fettarm ernährten. Also hat man jetzt eine Fettsteuer eingeführt. Vermutlich würde sich die Lebenserwartung weiter steigern lassen, wenn man das Sterben besteuerte. Bislang war es ja umsonst. Es kostete bloß das Leben.
SEPTEMBER 2011
Ende der Tragödie
»Der Stierkampf«, sagt Hemingway, »basiert auf der Tapferkeit des Stiers, seiner Einfalt und seinem Mangel an Erfahrung.« Es handele sich nicht um Sport, sondern um eine Tragödie in drei Akten: Prozess, Verurteilung, Hinrichtung. In Katalonien ist der Stierkampf von nun an verboten. Bei dem letzten in Barcelona wurden sechs Angeklagte hingerichtet. Für den Stier ist das Zeitalter der Tragödie vorbei, für den Menschen nicht.
JULI 2011
Unsere Sprache
In keinster Weise
Neulich wieder sagte ein Kollege völlig ernsthaft, er wolle sich in keinster Weise darüber beklagen, dass sein Text gekürzt worden sei, gleichwohl… Er hätte die Redeweise wohl kaum schriftlich verwendet, obwohl man sie häufig auch lesen muss. Die mündliche Rede erlaubt manch Ungereimtes, und wer stets nur druckreif spricht, ist oft nur ein Langweiler. Es ist aber die Kunst der Steigerung denen, die sich gern auf maximalste Weise steigern, nicht immer geläufig. Die Steigerung von „klein“ lautet: klein, kleiner, am kleinsten. Analog wäre dann: kein, keiner, am keinsten. Das ist absurd, weil etwas, das kein etwas ist, nicht weniger werden kann als nicht etwas. Das Minimale und das Maximale sind nur um den Preis des Komischen steigerbar, aber der Preis scheint vielen Zeitgenossen nicht zu hoch. Steigerung ist ja die innere Logik unserer Lebensweise, und deshalb hier die alte Kinderscherzfrage: Wie steigert man imposant? Antwort: im Hintern Steine, im Arsch Felsen. (Hinweis: Lies „im Po Sand“.) Wer sich der Wendung „in keinster Weise“ bedient, steigert das Dementi ins Schrille und dementiert sich selber.
Über Rupert Murdoch etc.
Fluch der Neugier
Empörung kostet nicht viel. Es fällt leicht, sich über die kriminellen Machenschaften englischer Boulevardjournalisten zu empören, und der öffentliche Aufruhr in London hat immerhin dazu geführt, dass der Medienmagnat Rupert Murdoch sein Schmierblatt News of the World eingestellt hat. Was leider nicht bedeutet, dass die Verblödungsstrategie gewisser Sender und Zeitungen an ihr Ende gekommen wäre. Im Gegenteil, auch in anderen westlichen Ländern, die sich auf die Pressefreiheit manches einbilden, feiert sie Erfolge. Ihr Ziel besteht nicht darin, die neue Nachricht zu verbreiten, sondern das Neue selber zu erzeugen, indem man Sensationsfelder erfindet und anhaltend beackert.
Die eigentliche Frage lautet, warum sich damit Geld verdienen lässt, empörend viel Geld. Die simple Antwort: Weil Millionen derlei lesen und sehen wollen. Und zwar aus demselben Grund, der auf der linken Fahrbahn zum Stau führt, wenn es auf der rechten einen Unfall gegeben hat: Es ist die Neugier. Wir wollen sehen, was da passiert ist. Wir wollen wissen, wie lange der Kuss des königlichen Paares gedauert und warum die monegassische Fürstin nach der Trauung geweint hat. Dieser urmenschliche Trieb bildet den Motor der Indiskretions- und Entblößungsmaschinerie, die Murdoch, Berlusconi und die anderen betreiben. So perfekt wie heute ist sie noch nie gelaufen, aber gegeben hat es sie immer. Öffentliche Folterungen und Hinrichtungen, das Ausstellen von Missgeburten und Monstern auf Jahrmärkten haben einstmals Tausende angezogen. Der audiovisuelle Boulevard verfährt nicht anders, nur auf technisch höherem Niveau.
Man muss sich aber, bevor man derlei Entgleisungen geißelt, bewusst halten, dass die Neugier Ursache aller menschlichen Erfindungen und Entdeckungen gewesen ist. Der wirkliche Grund, weshalb sich Seefahrer tollkühn auf die Weltmeere wagten, Anatomen den menschlichen Leib aufschnitten und Wissenschaftler sich gefährlichen Strahlen aussetzten, war nicht das klare Kalkül (kaum einer wusste, wohin sein Drang ihn führen würde), sondern die Neugier. Albert Einstein war nur ehrlich, als er einmal sagte: »Ich bin nicht besonders talentiert, sondern nur leidenschaftlich neugierig.« Die Geschichte der Wissenschaft ist auch eine Geschichte der Neugier. Dass sie sich ungehindert entfalten könne, ist ein Versprechen der Demokratie und das Geheimnis ihres Erfolgs. Nur wo der Erfindungsgeist sich verbreiten und austauschen darf, dringt er hinein ins unbekannte und ökonomisch fruchtbare Neuland.
Im Wort aber steckt die Gier. Sie wird niemals satt. Denn nichts altert schneller als das Neue, und rastlos sucht die Neugier nach neuem Stoff. Sie ist ein wilder Trieb, der gezähmt werden muss. Anders als beim Tier, dessen Wissensdrang der Instinkt leitet und aufs Zuträgliche beschränkt, ist die Neugier des Menschen ungerichtet. An Kindern bewundern wir ihre schlechthin schrankenlose Neugier, die sie ins Verderben stürzen müsste, würden wir nicht eingreifen. Als Erwachsene wissen wir (oder sollten es gelernt haben), dass es nicht lohnt, alles wissen zu wollen. Ohne Zweifel kann es hier und da schädlich sein.
Augustinus hält die curiositas für ein Laster, weil sie aufs Irdische versessen sei und wegführe vom Eigentlichen: von der Selbsterkenntnis und von der Erkenntnis Gottes. Die Philosophen erblicken in der Neugier einen höchst doppeldeutigen Trieb; Hans Blumenberg zum Beispiel sieht in ihr »das Interesse des Menschen für dasjenige, was ihn sozusagen nichts angeht«. Er beschreibt damit jenen selbstbezüglichen Wissenschaftsbetrieb, an den wir uns längst gewöhnt haben. Den Gedanken seiner Neugierkritik finden wir in den Mythen und Märchen wieder, die vom Heiligen und vom Verbotenen erzählen: vom siebenten Zimmer, das man nicht betreten, vom Schleier, den Schillers Jüngling dem Bild der Wahrheit besser nicht entreißen sollte.
Die Klugheit solcher Weisungen könnte Leitfaden sein für die Zähmung unserer Neugier, die nicht selten Züge einer Neusucht trägt. Sie ähnelt der Sucht, sich mit Nahrung vollzustopfen. Und so, wie es eine Industrie gibt, die alles daransetzt, uns mit jenem Fast Food zu versorgen, das immer von Neuem hungrig macht, so gibt es auch eine mediale Zerstreuungsindustrie, die unsere Neugier niemals sättigt, sondern stets neu entfacht. Ein rabiates Verwertungsinteresse ist Merkmal jenes Turbokapitalismus, dem wir offenbar - zu unsrem Glück oder Unglück - nicht zu entrinnen vermögen. Und wir reden hier wohlgemerkt nicht von der Welt überhaupt, sondern von jenen gesegneten Breitengraden, wo es weder an Nahrung noch an Information generell mangelt.
Der Mangel an Mangel ist ein Problem der Erziehung und der Selbstdisziplin. In den Schulen ist er schon lange ein Thema, glücklicherweise. Es müsste uns alle beschäftigen. Seit Jahren führen wir eine manchmal bizarre Schlankheitsdebatte. Man sollte die darin investierte Energie auf eine andere Enthaltsamkeit lenken: auf den Informationsverzicht. Nicht jede Nachricht ist der Beachtung wert. Es gibt eine Ökologie der Aufmerksamkeit. Wenn wir dies begriffen, dann würde uns die Empörung über Murdoch und so weiter etwas kosten. Wir könnten uns an die biblische Weisheit im Buch Prediger erinnern: »Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch. Kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, nie ein Ohr vom Hören voll. Es gibt nichts Neues unter der Sonne.«
Unsere Sprache
nichtsdestotrotz und unbeschadet
Ich wüsste wirklich gerne, welcher Witzbold aus den beiden Wörtern „nichtsdestoweniger“ und „trotzdem“ die die Verballhornung „nichtsdestotrotz“ gebildet hat. Sie ist in der Tat komisch, komischer ist aber, dass niemand mehr ihre Komik bemerkt. „Zwar ist die Suppe lecker, trotzdem isst Kaspar sie nicht.“ Das ist ein simpler, sauberer Satz. Er könnte ebenso gut lauten: „Zwar ist die Suppe lecker, nichtsdestoweniger isst Kaspar sie nicht.“ Das sagt oder schreibt aber keiner, sondern Kaspars Trotz ist so groß, dass er die Suppe nichtsdestotrotz nicht isst. Der Bastard, ursprünglich ein Witz, ist längst in den normalen Sprachschatz eingewandert, und nur wer genau aufmerkt, kann ihn bisweilen leise vor sich hinkichern hören.
Nichtsdestotrotz ist eines der vielen Beispiele dafür, wie sich Fehlbildungen einschleichen und so lange verwendet werden, bis sie Usus geworden sind. Der Sprachpfleger gleicht hier einem Gärtner, der lange und vergeblich gegen ein bestimmtes Unkraut in seinem Blumenbeet kämpft, bis er aufgibt und am Ende sogar sieht, dass es eigentlich ganz hübsche Blüten treibt.
Ein anderes Beispiel ist das Wort unbeschadet. Unbeschadet seiner altertümlichen Bedeutung als Partizip (zum dem verschwundenen Wort beschaden) ist es lange Zeit als Präposition verwendet und verstanden worden. Sie zieht den Genetiv nach sich, so wie etwa eingedenk. „Eingedenk seiner vergangenen Leistungen und unbeschadet seiner jüngsten Verfehlung wollen wir noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen.“ Immer öfter aber liest man Sätze wie den, die Fahrgäste des Linienbusses hätten dessen Unfall unbeschadet überstanden. Eigentlich müsste man sagen, sie hätten ihn unbeschädigt überstanden. Das klingt aber ein bisschen deplatziert, weil man die Blechschäden des Busses und den von den Fahrgästen erlittenen Schreck nicht auf eine Stufe stellen will. Das Wort beschädigen ist für Sachen besser geeignet als für Menschen.
Dem Dilemma könnte man entgehen, indem man sagt, die Fahrgäste hätten den Unfall unversehrt überstanden. Das Wort versehren allerdings kommt nur noch in dem seinerseits selten gewordenen Begriff des Kriegsversehrten vor. „Die Wahrheit wird versehrt“, so zitiert der Duden den Dichter Albrecht Goes, der ein Theologe war und gegen die Nazis Widerstand geleistet hat. Versehren gehört in das Buch der ausgestorbenen oder aussterbenden Wörter. Ich weiß nicht, ob es das gibt. Jemand müsste diese Wörter sammeln, aber der hätte viel zu tun.
JUNI 2011
Prinzenrolle
Pippa Middleton, die schöne Schwester der kürzlich Herzogin von Cambridge gewordenen schönen Kate, hat sich von Alex getrennt und wurde erneut mit George, dem Erben des Duke of Northumberland, gesichtet. Falls das wieder nichts wird, kommt noch, wie alle Welt hofft, Prinz Harry von Wales infrage, und wir fragen uns, warum wir Deutsche so schöne Dinge nicht haben – aber immerhin die Prinzenrolle.
Bester Zug der Bahn
Es wird noch zwei Jahre dauern, bis die maroden Klimaanlagen der ICE-Züge repariert sind. Bei Innentemperaturen um die 50 Grad sind jetzt Dutzende von Passagieren zusammengebrochen, einige mussten in die Klinik. Die Klimatisierung funktioniert umso besser, je weniger Menschen mitfahren. Der beste Zug der Bahn ist der leere Zug. Was insofern kein Unglück ist, als der ICE von außen noch schöner ist als von innnen.
Zur Debatte über Kachelmann und Strauss-Kahn
Sex ist nicht alles
Was die Sexualität betrifft, so leben wir vermutlich in einer der freiesten Gesellschaften, die es je gab. Niemand, solange er unsere recht liberalen Gesetze befolgt, wird wegen seines Lebenswandels bestraft, keine Kleidervorschrift verhindert sein freizügiges oder provozierendes Auftreten, und der Seitensprung, der in alten Zeiten Kriege auslöste, ist seine Privatsache. Zugleich wirkt unsere Gesellschaft vollkommen sexualisiert. In den Medien, in der Werbung, in der Popkultur ist Sex das dominante Signal, und die einst streng verpönte Pornografie ist jedermann zugänglich. Die Sexualität, früher wichtigste Nebensache der Welt, ist zur unwichtigsten Hauptsache geworden.
Die öffentliche Erregung über den Prozess gegen Jörg Kachelmann und die Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn hat nicht allein damit zu tun, dass man sich über Vergewaltigung empört und mutmaßlichen Opfern Genugtuung verschaffen will, sie fügt sich auch in das Bild einer Gesellschaft, die so frei nicht ist, wie sie sich dünkt, sonst wäre sie nicht davon besessen, jede Intimsphäre ans Licht zu zerren und zu beurteilen. Und oft auch vorzuverurteilen, denn gleichgültig, wie die Richter den Fall Kachelmann beurteilen oder den von Strauss-Kahn: Deren Existenz ist beschädigt.
Dass menschliche Beziehungen selten gänzlich frei von Gewalt sind, kann man nicht bestreiten, und jede Gesellschaft muss alles daransetzen, Gewalt zu minimieren. Dafür haben wir das Strafgesetzbuch. Es verbietet Notzucht und Nötigung; es erlaubt nahezu alles, was auf freiwilligem und gegenseitigem Einverständnis beruht. Darüber gibt es keinen Streit und darf es keinen geben.
Streit gibt es darüber, wie Männer und Frauen sexuell miteinander umgehen sollen, und hier geschieht etwas Merkwürdiges. Die Sexualität, die zuallererst ein biologisches, also lebenserhaltendes Faktum ist, wird aufs Neue, wie einst von der katholischen Sexualmoral, in die Pflicht einer höheren Vernunft genommen. Jetzt muss sie herhalten für den gesundheitsbewussten Dienst am Funktionieren des Ganzen. Nur der sexuell ausgeglichene, seelisch und körperlich optimierte Zeitgenosse ist fit für den Konkurrenzkampf.
In der wissenschaftlichen Erforschung und Vermessung des Sexuellen, begleitet von rastlosen Ratgebern, die uns mit hygienischem und technischem Rüstzeug aller Art versorgen, steckt der Glaube an die Verbesserbarkeit des Menschen. Als Maschine erscheint er nun, die auf sportliche und sexuelle Höchstleistungen getrimmt werden kann und deren Erscheinungsbild dem jeweils gebotenen Standard entsprechen muss. Und jetzt wird die Sexualität, die im Grunde so unschuldig ist wie das Bedürfnis, zu essen oder zu trinken, zum exemplarischen Schauplatz für alles, was an Größe und Gemeinheit im Menschen steckt. Wobei es ja klar ist, dass sich Größe und Gemeinheit auch im Sexuellen zeigen können – wie überall.
Dass nun aber Machtfragen zwischen Männern und Frauen just hier entschieden werden sollen, ist absurd. Als ob von jemandem, der sich demütigenden Spielen hingibt, angenommen werden müsste, er liebe Demütigung schlechthin. Als ob aus der Tatsache, dass Kachelmann prominent war und DSK mächtig, zu folgern wäre, Männer, vor allem prominente und mächtige, hätten Spaß daran, Frauen zu quälen. Jeder päderastische Priester, jeder gewalttätige Mann erscheint nun als Beweis für die sexistische Verderbtheit des männlichen Geschlechts.
Dabei lehrt der Blick auf eine beliebige sommerliche Promenade, dass dem alten Spiel von Verlockung und Verführung der Nachschub nie ausgeht. Dass nämlich Frauen erotische Macht besitzen, die sie zur eigenen Freude oder auch zum eigenen Vorteil einsetzen, das wissen die meisten sehr wohl. Nur Barbaren schließen daraus auf ein Recht zum Übergriff. Aber das erotische Spiel mit seiner großen kulturellen Tradition war, so reizend es auch sein mag, nie völlig gefahrlos.
Der Puritaner jedoch erblickt in der Vieldeutigkeit des Erotischen seinen größten Feind. Weil es unberechenbar und ungezähmt hervorbrechen kann, ist es für ihn das von Grund auf Verbotene, das durch ein strenges Reglement eingehegt werden muss. Die enterotisierende Energie des Puritanischen kann man in den USA am besten studieren, aber auch bei uns gewinnt sie an Boden. Sie fördert die allgemeine Tüchtigkeit, führt aber zu einem zwiespältigen Ergebnis: auf der einen Seite zu einem anschwellenden therapeutischen Gerede, das sich in den Dienst der Sauberkeit stellt; auf der anderen zu einer Pornoindustrie, die von der Lust auf Schmutz profitiert.
Aus Frankreich allerdings, das sich selbst gerne als die Heimstatt subtiler erotischer Kultur begreift, kommen erstaunlich unsubtile Reaktionen. Als der frühere französische Kulturminister Jack Lang sagte, es sei unüblich, einen Mann für ein Vergehen festzuhalten, bei dem schließlich niemand zu Tode gekommen sei, klang im Stillen die Botschaft mit, Zimmermädchen sollten nicht anfangen zu zicken. Und als der Philosoph Bernard- Henri Lévy in einem ZEIT-Interview sagte, die DSK-Debatte verrate »puritanischen Irrsinn«, war das ein Einwand, der zum denkbar falschesten Zeitpunkt kam. Vielleicht glaubte er sich schon im Kriegszustand mit den puritanischen Invasoren.
Von Liebe war bislang nicht die Rede? Ach, die Liebe ist ein weites, ein schönes und anderes Feld. »Die Liebe«, sagt Paulus, »ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, sie blähet sich nicht, sie suchet nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu.«
MAI 2011
Das Geheimnis
Sarkozy senior, der Schwiegervater der französischen Präsidentengattin, hat gesagt, er freue sich auf sein Enkelkind. Warum will Carla Bruni ihre Schwangerschaft nicht offiziell bestätigen? Vielleicht möchte sie, dass Frankreich und die Welt möglichst lange um das köstliche Geheimnis rätseln. Weil das, worüber die Welt rätselt – Frankreichs Herren und ihre notzüchtigenden Lüste –, weder ein Geheimnis ist noch köstlich.
Wer bekleckert wen?
Angenommen, Osama bin Laden hätte sich die Pornos, die in seinem Haus gefunden wurden, selber zu Gemüte geführt, so wäre das eines seiner harmlosesten Laster gewesen. Das Laster jedoch, jedes intime Detail aus bin Ladens Leben publik zu machen, ist weniger harmlos. Wer den Gegner bekleckert, bekleckert sich selbst. Tapfer gegen den Feind zu sein und großmütig gegen den Besiegten gehört für Nietzsche zu den Kardinaltugenden.
Skandal auf Samoa
Dass der Inselstaat Samoa, bislang östlich der Datumsgrenze gelegen,beschlossen hat, um den Austausch mit dem westlich gelegenen Australien zu erleichtern, dessen Datum anzunehmen, also einen Tag zu überspringen, ist schlicht ein Skandal. Wenn jeder das Datum (»das Gegebene« notabene) nach Belieben festlegte, würden Schulden nicht getilgt, Geburten hinfällig, und dieses Glösslein wäre längst Makulatur.
Übers Ziel hinaus
Der Journalistenverband verlangt von Schweinsteiger eine Entschuldigung. Ein Bild-Reporter hatte den Vize-Kapitän des FC Bayern als „Chefchen Schweini“ verhöhnt. Dieser konterte mit Beleidigungen. Darauf äußerte der Bayern-Chef Rummenigge Verständnis, sagte aber, Schweinsteiger sei „übers Ziel hinausgeschossen“. Was hatte er gesagt? „Pisser.“ Egal, wer als solcher gelten soll oder nicht: Man schießt da leicht übers Ziel hinaus.
Kurz behoste Männer
Die helle Sonne, die nun endlich scheint, beleuchtet das Gute und das Böse, das Schöne und das Hässliche – und leider auch Männer in kurzen Hosen. Die Schenkel- und Wadenexhibitionisten diskutieren die Frage, welche Schuhe man trage (keine Sandalen!) und ob rasierte Beine schicker seien als unrasierte.Auf Kritik reklamieren sie die Gleichberechtigung. Ach! Wie sagt Hölderlin? »Was schön ist aber stiften die Frauen.«
APRIL 2011
Václav Klaus ist es!
Heiterkeit erregt ein Video auf YouTube, das den tschechischen Präsidenten Václav Klaus auf Besuch in Chile zeigt, wie er, während der Rede des Amtskollegen Piñera, einen Kugelschreiber vom Tisch nimmt und stiekum in seiner Jacke verschwinden lässt. Für jeden, der schreiben kann, gibt es kein größeres Rätsel als das Verschwinden aller Kugelschreiber. Dass es nun gelöst ist, gehört zu den guten Nachrichten der Woche.
Heiliger Gandhi
Dass der fuür seine Enthaltsamkeit berühmte Mahatma Gandhi, der Gründer und Nationalheilige Indiens, einer eben in New York erschienenen Biografie zufolge mit einem deutsch-jüdischen Architekten ein sexuelles Verhältnis gehabt haben soll, hat in Indien Empörung ausgelöst, und man spricht von Blasphemie. Angenommen, es wäre wahr: Es ist zuweilen leichter, ein Heiliger zu werden, als einer zu sein.
Schändlicher Luxus
In China, wo 150 Millionen Menschen unterhalb der von den Vereinten Nationen definierten Armutsgrenze leben und mehr Milliardäre als in den USA, ist (in einigen großen Städten) die Plakatwerbung für Luxusgüter verboten worden, gemäß der Einsicht des Konfuzius: „Wenn im Staat Ordnung herrscht, ist es eine Schande, arm zu sein. Wenn im Staat Verwirrung herrscht, so ist es eine Schande, reich zu sein.“
MÄRZ 2011
Tor auf, Klappe auf
Frank Rost, Torwart des HSV, hat nach der Niederlage gegen Bayern München (das Spiel endete 0 : 6) bitteren Hohn über seinen Verein ausgegossen. Unter Torhütern gibt es welche, die sowohl den Ball halten als auch die Klappe; andere, die zwar den Ball nicht halten, immerhin aber die Klappe; wieder andere, die weder den Ball halten noch die Klappe. Wer so viele Bälle nicht hält, für den gibt es offenbar kein Halten mehr.
Singen für Gadhafi
Die notorische Vorliebe von Gewaltherrschern für üppige Feste war auch Gadhafi nicht fremd, und er angelte mit seinen Millionen viele berühmte Popstars. Manche, darunter der amerikanische Sänger Usher, bedauern jetzt ihren Auftritt und spenden das Geld für gute Zwecke. Usher sagte, er sei »zutiefst bekümmert«. Es gibt Leute, so bemerkte Shaw, die, wenn sie sich unbehaglich fühlen, glauben, sie seien moralisch.
Promovieren tut gut
Eine 1948 begonnene amerikanische Langzeitstudie an 5200 untersuchten Personen ist jetzt zu dem Schluss gekommen, dass der Blutdruck umso niedriger ist, je höher das Bildungsniveau, und da hoher Blutdruck als Ursache zahlreicher Herz- und Kreislauf-Erkrankungen gilt, kann man sagen, dass Akademiker generell gesünder sind. Promovieren ist also keineswegs schädlich. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.
FEBRUAR 2011
Besser stillen!
Die amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama hat gesagt, je länger Kinder von ihren Müttern gestillt würden, umso seltener neigten sie zu krankhaftem Übergewicht, woraufhin die Republikanerin Sarah Palin empört entgegnete, Frau Obama rate nur deshalb zum Stillen, weil die Milch so teuer geworden sei. Gut gegeben! Denn was würde Frau Obama den Müttern empfehlen, wenn das Bier teurer wird?
Mitleid und Neid
Die frühere Sportmoderatorin Monica Lierhaus, die sich nach langer Erkrankung jetzt wieder im Fernsehen gezeigt und dort zur allgemeinen Rührung ihrem Freund die Heirat angetragen hat, soll »Botschafterin« der ARD-Fernsehlotterie werden und 450 000 Euro im Jahr erhalten. Der Fernsehmann und Philosoph Robert Lembke hätte dazu gesagt: »Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.«
Zum Tod des amerikanischen Soziologen Daniel Bell
Ein sprühender Geist
Im September 1989 veranstaltete die ZEIT eine Umfrage: „Ist der Sozialismus am Ende?“ Stephan Hermlin antwortete, einen Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus werde es niemals geben, und Hermann Kant sagte, wenn der Sozialismus wirklich am Ende wäre, käme die Barbarei. Der amerikanische Soziologe Daniel Bell jedoch bemerkte sarkastisch, unter dem Sozialismus osteuropäischer Prägung verstehe man bekanntlich den längsten und qualvollsten Weg vom Kapitalismus zum Kapitalismus. So kam es dann ja auch. Aber Bell fügte hinzu: „Der Sozialismus im klassischen Sinn ist nicht gescheitert, denn er wurde niemals wirklich erprobt. Er bleibt als Maßstab des Denkbaren gegen die Realität. Das war immer die Funktion der Utopie. Der Fehler war zu glauben, die Utopie könne vom Berg herabsteigen und menschliche Gestalt annehmen.“ Man sieht hier seine pragmatische, letztlich sozialdemokratische Haltung, die allerdings in den USA zu gewissen Zeiten als „liberal“ galt, als gefährlich links. Bell, geboren 1919 in New York unter dem Namen Daniel Bolotsky, aufgewachsen als Sohn jüdischer Einwanderer unter ärmlichsten Umständen, galt als einer der führenden amerikanischen Intellektuellen der Nachkriegszeit. Die Titel seiner Bücher sind berühmt geworden: The Cultural Contradictions of Capitalism (1976), The Coming of Post-Industrial Society (1973) und natürlich The End of Ideology (1960). Was das Ende der Ideologie betrifft, so hat Bell am Ende leider nicht recht behalten, aber seine These hatte auch eher normativen denn beschreibenden Charakter.
Bell, der in Harvard Soziologie lehrte, war unfassbar belesen, vor allem aber ein Mann von geradezu journalistischem Temperament und vorurteilsloser Neugier. So lernte ich ihn Mitte der Achtziger kennen. In seinen Vorlesungen, die er in freier Rede hielt, sprühte er vor Einfällen. Später einmal, da war er schon emeritiert, tranken wir miteinander einen Kaffee, und er wirkte melancholisch. Der Rückschritt in den Reagan-Jahren schien ihn zu bedrücken. Er werde sich auf seine alten Tage nach England zurückziehen, sagte er. Er ist dann doch in Cambridge, USA, geblieben und dort gestorben, 91 Jahre alt.
Hymnenpech
Beim Super Bowl des amerikanischen Footballs 2011 scheitert Christina Aguilera an der Nationalhymne und singt anstelle der vierten Zeile die zweite noch einmal. 2005 scheitert Sarah Connor an unserer Hymne. Sie singt „Brüh im Lichte dieses Glückes“ (statt „Blüh im Glanze“). Beide Hymnen sind ziemlich kraus, aber „wenn alle mit einer Zunge singen, ist der Text ohne Bedeutung“, so der Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec.
Heidi!
Das Leipziger Opossum mit dem bezaubernden Silberblick soll von dem US-Sender NBC unter Vertrag genommen werden. Es trägt den vertrauenerweckenden Namen Heidi. Auch der weltberühmte Berliner Eisbär wurde deutsch getauft: Knut. Zu den von unseren Gerichten erlaubten Vornamen gehören Tiger, Cougar und Raven. In den Zoos heißen die Tiere wie Menschen, auf den Standesämtern die Menschen wie Tiere.
JANUAR 2011
Giftmord
In der Geschichte der USA sind 20 000 Menschen hingerichtet worden. Derzeit wartet auf 3250 Verurteilte die Todesstrafe. Die meisten sollen mit der Spritze getötet werden, es fehlt aber am Gift. Der einzige amerikanische Hersteller von Thiopental-Natrium will nicht mehr liefern, europäische Firmen wollen einem Boykottaufruf folgen. Man wird wohl zum Vergasen oder Erschießen zurückkehren müsseN
Walsers Westerwelle
Martin Walser hat im Focus seine Sympathie für den (wie er glaubt) von den Medien gejagten Westerwelle bekannt und gesagt: „Sollten die Journalisten es tatsächlich schaffen, Guido Westerwelle ins Aus zu manövrieren, werde ich zum ersten Mal in meinem Leben FDP wählen.“ Im Umkehrschluss folgt daraus: Sollte Walser tatsächlich FDP wählen, wäre es das Ende von Westerwelle. Wer nun schützt Westerwelle vor Walser?
Schlafen mit Apple
Der Wecker des iPhones versagt. Bei der jüngsten Zeitumstellung ließ er europäische Benutzer eine Stunde länger schlafen, zum Jahresanfang funktionierte er oft gar nicht mehr. Wer sparsam ist, kauft sich jetzt einen billigen Wecker; wer Geld hat, einen, mit dem man auch telefonieren kann. Bei den Geräten der nächsten Generation, so hört man von Apple, muss man nicht mehr selber aufstehen, sie erledigen den Rest von allein.
DEZEMBER 2010
Was uns 2011 bringt
Der Tag des Kusses am 6. 7. bildet die Lustachse, um die sich der Tag der gesunden Ernährung, der Tag des deutschen Bieres, der Tag des deutschen Butterbrotes sowie der Tag des Kaffees locker drehen, folgerichtig gefolgt vom Welttoilettentag am 19. 11. Weltkindertag und Weltlehrertag ergänzen einander ebenso wie der Welttag des Meeres und der Welttag der Berge. Schmerzlich jedoch vermissen wir den Welttag der Welttage.
Weihnachtsstaub
Einer Studie des Klimatologen Stephan Weber zufolge liegt die durch Kerzen verursachte Feinstaubbelastung in weihnachtlichen Gottesdiensten um ein Vielfaches über dem EU-Grenzwert. Was tun? Entweder erteilt die EU eine Ausnahmegenehmigung. Oder wir gehen nicht in die Kirche. Oder wir gehen hin, blasen die Kerzen aus, schließen Herrn Weber in unsere Fürbitten ein und singen Kling, Glöckchen, klingelingeling.
Späte FDP
Erst verglich der FDP-Chef Westerwelle Deutschland mit dem späten Rom, jetzt vergleicht der Kieler FDP-Chef Kubicki den Zustand der FDP mit dem der späten DDR. Was denn nun? Hätte Kubicki recht, so wäre er Egon Krenz, und Westerwelle wäre Honecker. Hätte Westerwelle recht, so wäre er Caesar und Kubicki Brutus. Ach was! Es geht weder ums späte Rom noch um die späte DDR, sondern bloß um die späte FDP.
Zwischenlager
Die »Schamlippen-Expertin und Atom-Protestlerin« Charlotte Roche (so Roche über Roche) hat dem Bundespräsidenten den Beischlaf angeboten, wenn er das Gesetz zur Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke nicht unterzeichne, und lockend hinzugefügt, auch sie, wie Frau Wulff, sei tätowiert. Sollte Wulff den Vorschlag akzeptieren, wäre dieses Beilager vermutlich kein Endlager, aber doch ein Zwischenlager.
NOVEMBER 2010
Fußballkunst
Wenn Kunst von Können kommt, wie Max Liebermann sagte, dann ist Jakub B?aszczykowski, der im Fußballspiel Dortmund-Freiburg aus elf Metern Entfernung den Ball eben nicht ins völlig leere, 7,32 Meter breite und 2,44 Meter hohe Freiburger Tor schoss, sondern hoch über die Latte hin aus, wahrhaft ein Künstler, denn Kunst kommt von Können, große Kunst aber besteht im Gelingen des scheinbar Unmöglichen.
Fresst Krabben!
Die Königskrabbe erreicht ein Gewicht von zehn Kilo und eine Spannweite von 1,80 Metern. Umweltschützer in Oslo befürchten eine Katastrophe, weil das Tier sich rasend vermehrt. Sie haben 2000 Krabben vor das Fischereiministerium gekippt. Ihres Fleisches wegen wurden die Tiere in der Barentssee angesiedelt, auf Stalins Befehl. 57 Jahre nach seinem Tod noch bewirkt er Unheil. Doch nie war Antistalinismus so einfach: Fresst Krabben!
Insektenpoesie
Die Große Kerbameise ist vom Julius-Kühn-Institut zum Insekt des Jahres 2011 gewählt worden. Zu ihren Vorgängern zählten der Ameisenlöwe, die Gemeine Blutzikade, das Krainer Widderchen, die Ritterwanze, der Siebenpunkt, die Steinhummel, die Plattbauch-Segellibelle und der Goldglänzende Rosenkäfer. Seltsam, dass alles, was beißt und nervt, so wunderbare Namen trägt! Man darf der Poesie auch hier nicht trauen.
Steuervereinfachung
Im edlen Wettstreit um die vergeblichste Idee zur Steuervereinfachung würde Schäubles Vorschlag, Steuererklärungen nur noch alle zwei Jahre abzugeben, den Sieg erringen, wenn man ihn dahingehend verbesserte, dass der Bürger sich nur zweimal, bei seiner Geburt und bei seinem Tod, dem Finanzamt erklären müsste, denn unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s ein Steuerbescheid gewesen.
OKTOBER 2010
Ins Gästebuch
Sebastián Piñera, der Präsident Chiles, der bei seinem Besuch in Berlin »Deutschland über alles« ins Gästebuch schrieb, hat sich dafür entschuldigt: Er habe das in der Schule aufgeschnappt und nicht gewusst, dass es verpönt sei. Vielleicht hat der kleine Sebastián nicht richtig aufgepasst, weil er davon träumte, ein Held zu werden. Jetzt ist er der Held, der die Bergleute aus dem Abgrund holte und in den Abgrund der Geschichte fiel.
Gesünder rauchen
Um die Industrie vom Anstieg der Ökosteuer zu entlasten, hat die Koalition beschlossen, die Tabaksteuer zu erhöhen. Das Qualmen der Fabriken wird belohnt, das der Raucher bestraft. Wer jetzt noch raucht, schädigt seine Gesundheit, um die Gesundheit der Staatsfinanzen zu fördern, und er mag sich mit Robert Lembke trösten, der sagte: »Man liest so viel über die Gefahren des Rauchens. Ich glaube, ich gebe jetzt das Lesen auf.«
Genial genital
Nachdem die frühere französische Justizministerin kürzlich fellation statt inflation gesagt hatte, hat jetzt der französische Innenminister digital mit génétique gekreuzt und in einem Interview von »genitalen Fingerabdrücken« gesprochen. Georg Christoph Lichtenberg bemerkte dazu: »Er sagte immer Agamemnon statt angenommen, so sehr hatte er seinen Homer gelesen.« Man wüsste gern, was französische Politiker lesen. Homer eher nicht.
Der Malteser Falke
Wer in freier Natur oder allgemein zugänglichen Räumen raucht oder den Versuch dazu unternimmt, wer andere zum Rauchen anstiftet, indem er Tabakwaren anbietet oder dafür wirbt, oder wer das Rauchen anderer nicht polizeilich meldet, wird dazu verurteilt, dem Malteser EU-Kommissar John Dalli, der das totale Rauchverbot will, Hammetts Roman Der Malteser Falke so lange vorzulesen, bis einer von beiden um Gnade winselt.
SEPTEMBER 2010
Avec une fellation
Jetzt lacht ganz Frankreich, weil die äußerst attraktive französische Europaabgeordnete Rachida Dati (44) in einem Interview Investmentfonds kritisiert hat, die eine Rendite von 25 Prozent erwarteten, »avec une fellation quasi nulle« (gemeint war inflation). Jeder Finanzbonze kennt das proportionale Verhältnis von Rendite und Fellatio, zu lachen gibt es da gar nichts. La vache qui rit, sagt der Franzose, zu Deutsch: Alles Käse.
Großvater Ole
Ole von Beust (55) hat sich jetzt mit seinem knäbischen Freund (19), dessen Großvater er sein könnte, erstmals öffentlich gezeigt, wozu Wilhelm Busch bemerkte: »Es gibt ja leider Sachen und Geschichten, / Die reizend und pikant, / Nur werden sie von Tanten und von Nichten / Niemals genannt. / Verehrter Freund, so sei denn nicht vermessen, / Sei zart und schweig auch du! / Bedenk: Man liebt den Käse wohl – indessen, / Man deckt ihn zu.«
Was brennt besser?
Der US-Pastor hat seine Koranverbrennung abgesagt, in Johannesburg ist eine Bibelverbrennung verboten worden, ein Australier verlor den Uni-Job wegen seines Videos Bibel oder Koran, was brennt besser?. Wahr ist, dass Bücher schlecht brennen, man benötigt, wie aus Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451 zu lernen ist, 232 Grad Celsius. In Kaschmir gab es bei Protesten gegen den Pastor 16 Tote. Menschen brennen besser.
Wer ist Graf Rotz?
»Wir sind nicht Graf Rotz, wir wollen den Stuttgartern etwas Gutes tun«, sagt der Bahnchef Rüdiger Grube und bietet den Gegnern des Bahnhofsumbaus Stuttgart 21 Gespräche an. Das Projekt sei »kommunikativ nicht ordentlich begleitet worden«. Grube begleitet es jetzt kommunikativ recht ordentlich und sagt: Meine Name ist Grube. Aber wissen möchte man schon: Wenn Grube nicht Graf Rotz ist, wer dann?
AUGUST 2010
Der Fehler
Bei der Wahl zur Miss Universe 2010 hat die philippinische Bewerberin auf die Frage, was der bisher größte Fehler ihres Lebens gewesen sei, gesagt, in ihren 22 Jahren habe sie noch keinen größeren Fehler begangen. Diese Antwort war ihr größter Fehler. Sie wurde nicht gewählt. Was aber Fräulein Raj trotz allem bleibt und niemand ihr nehmen kann, ist ihr Vorname, der alle Fehler verzeihlich macht: Venus.
Seibert anschauen
Es gibt Regierungssprecher, die alles wissen und wenig sagen, und es gibt welche, die nichts wissen und viel sagen. Zur Amtseinführung des neuen Regierungssprechers bemerkte die Kanzlerin, eine der Qualitäten Steffen Seiberts sei, dass man ihm schnell ansehe, wenn er etwas nicht hundertprozentig durchschaue. Wenn also Seibert zukünftig nichts weiß, muss er gar nichts mehr sagen. Man schaut ihn an und weiß alles.
Wulffs Brötchen
Jetzt wirft man Christian Wulff vor, dass er von einem Bäcker aus Hannover (der auch Berliner Hotels beliefert) seine Brötchen kommen lässt. Soll dem Bundespräsidenten nicht erlaubt sein, was jedermann sich gönnt, Joghurt aus dem Allgäu, Wein aus dem Chianti, Wasser aus Evian? Soll der Arme nur essen, was Berlin ihm bietet, Soleier, Buletten und Rollmops? Es möchte kein Hund so leben, geschweige denn ein Wulff.
Nackte Wahrheit
Die Nackten im Englischen Garten gehörten einstmals zu Münchens schönsten Wahrheiten. Jetzt klagt der Vorsitzende des Bayerischen Naturisten-Verbandes über Nachwuchssorgen und stellt bedauernd fest, die Jugend sei „spröder“ geworden. Wenn sich nur noch die Alten nackt präsentieren, ist die Trias des Wahren-Guten-Schönen vollends perdu. Die Wahrheit ist noch nackt, aber nicht mehr schön. Eine schöne Wahrheit!
JULI 2010
Strafe Gottes
Als »Sodom und Gomorrha« hat die Buchautorin und frühere Tagesschau-Sprecherin Eva Herman die Loveparade bezeichnet, und wenn wir ihre abgeschmackten Faseleien, erschienen auf der Internet-Seite ihres Verlags, resümieren, dann sieht sie in der Duisburger Katastrophe eine Strafe Gottes für das »schamlose Treiben«. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Gott, dessen Wege unerforschlich sind, uns mit Eva Herman straft.
Lobt Löw!
Der Kaiser Diokletian trat 305 zurück, Papst Cölestin 1294, die Königin Christina von Schweden 1654, Zar Nikolaus 1917, der Freiherr von Beust 2010. Die Historie ist voll von tristen Abdankungen, doch jener, die froh ihren Dienst verrichten, gedenkt sie nicht. Also ist Jogi Löw zu loben, der seinen Vertrag als Bundestrainer bis 2012 verlängert hat. Wenn alles wankt, zieht Löw das blaue Pullöverchen an, und auf geht’s!
Weiße Mäuse
Umweltschützer wollen die peruanischen Gletscher retten und erhalten von der Weltbank 200000 Dollar, um die Anden weiß zustreichen, damit sie die Sonne reflektieren und die Umgebung kühlen. Hierzulande leben 229 Menschen auf einem Quadratkilometer. Deutschland weiß zu pinseln dürfte uns nicht allzu schwerfallen. Dann würde es endlich kühler, und keiner mehr würde weiße Mäuse sehen.
Schöne Unschuld
Von der russischen Spionin Anna Chapman, die jetzt in den USA verhaftet wurde, schwärmt ihr Exmann: »Sie war die schönste Frau, die ich je getroffen habe«, und publiziert die verführerischsten Fotos von ihr. Als die Hetäre Phryne vor Gericht kam, riss ihr der Verteidiger das Gewand vom Leib und erwirkte mit dem Argument, diese Schönheit könne nicht schuldig sein, den Freispruch. Annas Richter sollten das bedenken.
JUNI 2010
10 Minuten Ewigkeit
Eine Umfrage unter Therapeuten hat ergeben, dass der ideale Sex 10 Minuten dauere, und die taz hat vorgeschlagen, die Wartezeit bis zur nächsten U-Bahn damit zu überbrücken, andernfalls die Halbzeitpause, wobei noch Zeit bliebe, ein Bier zu holen. Nietzsches Gedicht Alle Lust will Ewigkeit müsste unter medizinischem Aspekt Alle Lust will 10 Minuten lauten. Überall wird gespart, und jetzt sogar schon an der Ewigkeit.
Lange Küsse
Der Kuss, den Prinz Charles 1981 seiner unglücklichen Diana gab, dauerte laut Bild am Sonntag 0,40 Sekunden, der jetzt von vielen Fernsehmillionen beobachtete Hochzeitskuss aber zwischen Daniel Westling und Prinzessin Victoria von Schweden 1,52 Sekunden. Ist die Kussdauer Maßstab des späteren Glücks? Der Guinness-Rekord im Küssen beträgt 31,5 Stunden. Wer da nicht lieber Frosch bleiben möchte!
Harry Potters Ende
Nach 13 Jahren, nach 4350 Buchseiten und 20 Filmstunden wird im nächsten Jahr, wenn der zweite Teil des letzten und in diesen Tagen abgedrehten Harry-Potter-Films in die Kinos kommt, eine Epoche zu Ende gehen, Voldemort ist längst tot, Harry 37, hat mit Ginny drei Kinder, und der letzte Satz lautet: »Alles war gut.« Nichts ist gut. Weh uns, wie bestehen wir armen Muggel, wenn Harry im Alltag versackt, den eigenen?
Was dick macht
Um die Fettsucht ihrer Landeskinder und die Magersucht ihrer Finanzen zu bekämpfen, wollen viele US-Staaten eine Steuer auf zuckrige Sodagetränke einführen. Meist sind die Reichen schlank, die Armen dick, Champagner ist gesünder als Cola. „Versuchungen bekämpft man am besten durch Geldmangel“, sagte Ringelnatz. Insofern ist die Koalition auf gutem Weg: Ihre Steuerpolitik ist ein Beitrag zur Volksgesundheit.
MAI 2010
Normalverbraucher
Birgit Homburger, die Fraktionschefin der FDP, hat in Bild gesagt: »Steuererhöhungen für Otto Normalverbraucher wird die FDP nicht zulassen.« Was heißen kann, dass die Steuersenkungspartei FDP Steuererhöhungen durchaus zulassen wird, wenngleich nicht für Otto Normalverbraucher, der von ferne an den Ottomotor mit Normalbenzin erinnert, aber wir fahren ja alle Super, die armen Hoteliers vielleicht ausgenommen.
Alte Kinder
Wenn jetzt Kinder vollbringen, was einst nur Erwachsene konnten, müssen die dann kindisch werden? Die Schülerin Jessica Watson hat mit 16 die Welt umsegelt, der Schüler Jordan Romero hat mit 13 den Mount Everest bestiegen. Edmund Hillary war, als er den Berg zuerst bezwang, ein alter Mann: 33. »Warum bekommt man die Jugend in einem Alter, in dem man nichts davon hat?«, fragte Shaw, als er alt war.
Wortfortschritt
Wer gehofft hatte, den zungenbrecherischen Namen Eyjafjallajökull vergessen zu dürfen, sieht sich enttäuscht: Der isländische Vulkan spuckt weiterhin Asche, und keiner weiss, wie lange noch. 60 000 Passagiere sassen jetzt in Amsterdam fest. Anders als bei der Schuldenkrise, der Ölkatastrophe und Ballacks Debakel kann dafür kein Mensch was. Schicksal!, sagte man früher, Kismet, Fatum! Und jetzt: Eyjafjallajökull! Ein Wortfortschritt.
APRIL 2010
Schwarzer Fasch
Dass vom Osten nichts Gutes kommt – haben wir’s nicht immer gewusst? An Rhein und Elbe klagen die Angler über Fischinvasoren, eingewandert vom Schwarzen Meer, die Kesslergrundel und die Schwarzmundgrundel, die überall anbeißen. Sie schmecken wie Asch und Friedrich. „Ein Fisch mit Namen Fasch“, dichtete Brecht, „der hatte einen weißen Asch.“ Auch hier irrte Brecht, der Asch ist schwarz.
MÄRZ 2010
Kalte Dusche
Wer arbeitet, macht sich schmutzig, kommt leicht ins Schwitzen und darf warm duschen. Wer hingegen arbeitslos ist und von Hartz IV lebt, kommt mit einer kalten Dusche gut aus, wie Thilo Sarrazin in der SZ trefflich bemerkt, und er spart, wie die Mopo ausrechnet, 80 bis 120 Euro im Jahr. Abgesehen davon, dass Kaltduschen laut Sarrazin gesünder ist. Es empfiehlt sich übrigens auch bei heiß gelaufenem Verstand und fliegender Hitze maskuliner Wechseljahre.
Isländische Gabe
Wahrscheinlich gibt es mehr isländische Dichter als Isländer, sicherlich aber haben die Isländer mehr Schulden als Dichter. 93 Prozent haben jetzt den Vertrag über die Rückzahlung britischer und niederländischer Kredite abgelehnt. Die vielen wollen nicht bluten für das Pokerspiel der wenigen. In der Edda, der ältesten Dichtung Islands, heißt es: »Die Gabe will stets Vergeltung. / Besser nichts gezahlt / als zu viel getilgt.«
Para bellum
Eines der berühmtesten deutschen Maschinengewehre war das Parabellum MG14, benannt nach dem spätrömischen Diktum »Si vis pacem, para bellum«, was heißt: »Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.« Deutschland ist, so berichtet das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), der drittgrößte Waffenexporteur der Welt und insofern eine den Frieden fördernde Nation.
FEBRUAR 2010
Simserim simsim
Im Jahr 455 wurde die römische Stadt Colonia von den Franken erobert. Anfang des 21. Jahrhunderts kehrten die Römer zurück, besetzten Kölns U-Bahn-Baustelle, fälschten Vermessungsprotokolle, stahlen Stahlträger. Ihr Ziel: die Stadt zum Einsturz zu bringen. Ihre Strategie: spätrömische Dekadenz. Victor von Scheffel hat die Kölner vergeblich gewarnt: »Als die Römer frech geworden / simserim simsim simsim …«
Nord-Süd-Gefälle
Je höher einer den Kopf trägt, umso tiefer fällt er, wie uns einerseits der Blick ins Geschichtsbuch, andererseits in die Notaufnahme der Kliniken zeigt. Die Behörden in Hamburg oder Berlin sind außerstande, Schnee und Eis zu räumen, ihre Bürger winden sich stöhnend am Boden. Die von Konstanz oder München jedoch gehen stolz ihres gestreuten Wegs. Das elende Nord-Süd-Gefälle, jetzt kann man es sogar hören!
JANUAR 2010
Toleranz für die Intoleranz? Zur Islamismus-Debatte
Es wäre ein Fehler, die neu aufgeflammte Islamismus-Debatte lediglich als Eitelkeitsgefecht deutscher Feuilletonisten zu betrachten. Zwar findet sie in den Feuilletons statt, aber sie betrifft jenen tief gehenden Kulturkonflikt zwischen dem Islam und dem Westen, der inzwischen fast den ganzen Globus beherrscht. Er wird auch keineswegs nur in Deutschland diskutiert, sondern überall dort, wo es Meinungsfreiheit gibt – besonders leidenschaftlich in Frankreich, wo die algerische islamkritische Autorin Rayhana vor zehn Tagen von Islamisten mit Benzin übergossen und angezündet wurde; und nicht minder erregt in Dänemark, wo auf den Karikaturisten Kurt Westergaard kürzlich ein Anschlag verübt wurde. Westergaard und Rayhana haben überlebt. Auch Salman Rushdie hat überlebt, einstweilen.
Zum Mord an Rushdie, von dessen Roman Satanische Verse Muslime sich gekränkt fühlten, wurde am 14. Februar 1989 aufgerufen. Seitdem hätte die westliche Welt wissen können, welche Gefahr vom Islamismus ausgeht. Aber nicht einmal der Anschlag vom 11. September 2001 scheint alle davon überzeugt zu haben, dass die Errungenschaften der Aufklärung unveräußerlich sind. Im Gefolge der Debatte um die Fatwa gegen Rushdie veröffentlichte der englische Schriftsteller Richard Webster sein Buch Erben des Hasses (1992), in dem er behauptete, in dem neuen Streit sei der alte Krieg zwischen Christentum und Islam wieder ausgebrochen. Zwei Fundamentalismen stünden einander gegenüber, der Fundamentalismus einer theokratischen Gläubigkeit im Islam gegen den Fundamentalismus der Meinungsfreiheit im Westen, der sich rational gebe, in Wahrheit aber ein Religionsersatz sei.
Ganz ähnlich argumentierte Thomas Steinfeld dieser Tage in der Süddeutschen, als er schrieb, man dürfe die demokratischen Grundwerte nicht als »Glaubensartikel« betrachten. Wer damit ebenso kämpferisch umgehe wie der radikale Islam mit seinen heiligen Schriften, der zerstöre, was er zu verteidigen vorgebe. »Wer auf Toleranz beharrt, für den kann die Toleranz nicht aufhören, wenn ein anderer nicht tolerant sein will.« Das, mit Verlaub, ist absurd und gleicht dem Ratschlag an die Adresse eines unter die Kannibalen gefallenen Christen, er möge sich fügen und das Tischgebet nicht vergessen.
Kurz zuvor war in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von »unseren heiligen Kriegern« die Rede gewesen. Gemeint waren die Islamkritiker, und Steinfeld radikalisierte den Vorwurf, indem er sie »unsere Hassprediger« nannte. Vor allem die deutsche, aus der Türkei stammende Schriftstellerin Necla Kelek erregte seinen Zorn, weil sie nicht müde wird, von ihren Glaubensgenossen zu verlangen, sie sollten den Prozess der Säkularisierung nachvollziehen und die Trennung von Staat und Religion endlich anerkennen.
Steinfeld und die ihm angeschlossenen Appeasement-Prediger vergessen, dass es einen Unterschied macht, ob ich einen Gegner mit Wort und Schrift bekämpfe oder mit Messer und Bombe. Salman Rushdie hat damals gesagt: »Was geschehen ist, ist sehr einfach: Jemand hat ein Buch geschrieben, jemand will ihn dafür töten. Das ist keine intellektuelle Debatte, das ist Gangstertum.« Wer jenen, die vor dem tief in die westlichen Gesellschaften eingedrungenen Fundamentalismus warnen, jetzt »Islamophobie« unterstellt, empfiehlt den Verzicht auf angemessene Selbstverteidigung.
Die Kritik der Islamkritik läuft auf ein Missverständnis der Lessingschen Ringparabel hinaus. In seinem Lehrstück Nathan der Weise (1778) erzählt der Jude Nathan dem Muslim Saladin die Geschichte eines Mannes, der seinen drei Söhnen einen wundertätigen Ring vermachen will. Um keinen zu benachteiligen, lässt er zwei weitere, dem ersten völlig gleiche Ringe anfertigen, sodass jeder der Söhne den wahren in seinem Besitz wähnt. Demzufolge wären die drei monotheistischen Religionen gleichgeartet, und der demokratische Staat müsste nur danach trachten, jeglicher Glaubensrichtung neutral gegenüberzustehen.
Der schöne Gedanke hat zwei Mängel. Erstens sind die drei Religionen äußerst unterschiedlich. Vom Judentum sind aggressive Missionierungen nicht bekannt, auch haben die Juden Andersgläubige nie mit dem Schwert verfolgt. Im Gegensatz zum Christentum, dessen von den Christen selber am radikalsten kritisierte Verbrechen allerdings jeder Zeile des Neuen Testaments zuwiderlaufen. Zweitens genügt ein Blick ins Grundgesetz, um zu sehen, dass sein Wertekanon ohne die christliche Kultur keine Basis hätte. Allein der Gedanke der Freiheit des Individuums, seines Gewissens und seiner Verantwortlichkeit ist christlicher Herkunft.
Was nun den Islam angeht, so mag es durchaus zutreffen, dass er einst eine vorbildliche Kultur der Toleranz dargestellt hat. Und sicherlich ist es angesichts seiner unterschiedlichen Ausprägungen höchst ungenau, von »dem« Islam zu sprechen. Die Frage jedoch, wie der Koran und seine Bemerkungen über Andersgläubige oder Abtrünnige zu verstehen sind und ob das Regelsystem der Scharia mit dem Freiheitsgedanken der Aufklärung vereinbar ist, muss von den Muslimen selber beantwortet werden. Wir hingegen genießen die von unseren Vorfahren oft blutig erkämpften Rechte auf selbstverständliche und, wie die Debatte zeigt, auch gedankenlose Weise. Wir können zum innermuslimischen Diskurs wenig beitragen und realistischerweise nicht von einem idealen Islam sprechen, sondern nur von jenem, der uns alltäglich begegnet. Dass dessen Erscheinungsformen auch jene Zeitgenossen, die nicht unter Phobien leiden, zuweilen erschrecken, wird niemand abstreiten. Auch hat man nichts davon gehört, dass die von den Radikalen mit vielleicht irriger Berufung auf den Koran angestifteten Anschläge massenhafte Proteste in der islamischen Welt ausgelöst hätten. Einige wenige haben ihren Widerspruch deutlich artikuliert, darunter Necla Kelek und die niederländische Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali. Diese beiden müssen sich nun von blinden Toleranzenthusiasten vorhalten lassen, sie gehörten zu den »Hasspredigern«.
Lessings berühmtes Toleranzedikt jedoch behauptet nicht, alle drei Religionen besäßen in gleicher Weise die Wahrheit. Sie sind, im Sinne Lessings, von der Wahrheit gleich weit entfernt. Was aber wäre die Wahrheit? Nichts anderes als die Aufklärung, die Lessing mit seinem Stück befördert hat: der Glaube an die Vernunft und an den Universalismus der Menschenrechte. Lessings Erzählung der Ringparabel ist die Ringparabel. Der Diskurs, den er führt, verbürgt ihre Geltung, und ihre Geltung ist Folge des Diskurses, er ist die Wahrheit, die über den drei Ringen steht.
So kann also auch diese Debatte nur geführt werden, weil es die Wahrheit und die Geltung der Freiheitsrechte gibt. Auch die Kritiker der Islamkritiker beanspruchen, indem sie die glaubensmäßige Beanspruchung dieser Freiheit verwerfen, eben diese. Dessen sollten sie sich bewusst sein. Das Ganze ist ja nicht nur ein Streit um Worte, sondern einer um das Fundament unseres Selbstverständnisses und unserer kulturellen Herkunft. Dass dieses Fundament wacklig geworden ist, wie die Diskussion zeigt, hat aber nichts mit den Muslimen zu tun, sondern nur mit uns selber.
Die Schriftstellerin Monika Maron hat im Spiegel gefragt, weshalb die Aufklärung und die westlichen Werte in den Augen einiger Intellektueller plötzlich als fundamentalistisch erschienen, und den Verdacht geäußert, es handele sich dabei um eine Wiederkehr des alten linksintellektuellen Unvermögens, die Vorzüge des eigenen Gemeinwesens zu erkennen. Das könnte sein.
Unsere Sprache: Nacktscanner
Mancher erinnert sich noch an den Streit um das Nacktbackverbot, das fortschrittliche Bäckereibetriebe im Sinne einer maximalen Durchsichtigkeit gesellschaftlich relevanter Vorgänge erfolgreich bekämpft haben. Das Nacktbacken hat sich inzwischen durchgesetzt, ebenso das Nacktwandern, aber die notwendige Transparenz ist längst nicht erreicht, wie die jüngste Debatte über den Nacktscanner zeigt. Wir haben uns darunter nicht etwa einen nackten Scanner vorzustellen, etwa einen Apparat ohne Gehäuse, sondern ein veritables Nacktsichtgerät. Niemand unter den zahllosen nacktaktiven Mitbürgern, die unauffällig ihren Nacktdienst verrichten, sei es als Nacktschwester oder als Nacktportier, wird sich dagegen wehren. Wer etwas zu verbergen hat, trete vor und schweige! Um aber die legitimen Bedürfnisse der Kleidungsfetischisten zu schützen, sollte man eine Nacktabsenkung einführen und das Nacktscannen nur nachts praktizieren, wenn die Nacktigall singt und die Nachtschnecken sich sanft dazu wiegen.
SEPTEMBER 2009
Die Stille nach dem Schock - Zur Bundestagswahl
Das Gute an dem Sieg von Schwarz-Gelb könnte sein, dass er Widerstandskräfte weckt und die geistige Szene repolitisiert. In nicht wenigen ehemals treuen SPD-Wählern, die nunmehr treulos wurden oder sich der Wahl ganz enthielten, regt sich jetzt Reue: Strafe musste zwar sein, aber dass sie so vernichtend ausfalle, war dann doch nicht gewollt. Dass die Partei, die einen wesentlichen Teil der deutschen Geschichte mitgeschrieben hat, in manchen Wahlkreisen dort gelandet ist, wo am Ende der Tabelle Splittergruppen ihr kümmerliches Dasein fristen, ist noch gar nicht ganz begriffen. Statt der Häme, die bei Niederlagen nicht ausbleibt, zeigt sich nun ein sprachloses Erschrecken natürlich nicht bei allen, aber doch bei jenen, die ein Bewusstsein davon haben, dass Politik nicht gelingen kann, wenn sie im Dschungel der Partialinteressen sich verheddert, ohne eine Vision des Gesamtwohls zu haben.
Dass es ein Gesamtwohl gebe, war der Lebensgrund der Volksparteien. Beider Verluste sind dramatisch. Bei der CDU betrug die Zahl der Zweitstimmen 1990 noch 17 Millionen, bei der SPD 15,5. Jetzt ist die CDU bei 11,8 Millionen angelangt, die SPD bei 9,9. An das Versprechen, das beide einst gaben, nämlich für eine die verschiedensten Schichten und Milieus überwölbende Idee zu stehen, glaubt nur noch eine Minderheit. Je mehr die großen Parteien davon reden, »für unser Land« zu wirken, je stärker Angela Merkel darauf beharrt, »Kanzlerin aller Deutschen« zu sein, desto klarer wird, dass dieses Land in Interessengruppen zerfallen ist. Offenbar gibt es kein übergeordnetes Postulat mehr, das Zahnärzte, Kassiererinnen und Studenten, Immobilienbesitzer, Banker und Arbeitslose miteinander in Verbindung bringen könnte.
Dabei liegt auf der Hand, dass Demokratie ohne soziale Gerechtigkeit nicht funktioniert. Aus diesem Gedanken hat die SPD von Anbeginn ihre Kraft gewonnen, und man muss es tragisch nennen, dass sie in dem berechtigten Wunsch, den Sozialstaat bezahlbar zu halten, und in dem irrigen Glauben, den Beifall der Bosse zu finden, eine Politik gemacht hat, die ihre Anhänger als Verrat empfinden mussten. Verrat! Keine Partei wird von diesem Vorwurf so unerbittlich heimgesucht wie die SPD. Sie war die Partei des sozialen Friedens, und man könnte sich daran erinnern, dass sie uns nicht nur ab und zu verraten hat, sondern dass wir nicht wenige der sozialen Errungenschaften und Freiheitsrechte, die heute für selbstverständlichen Besitz gehalten werden, ihr verdanken.
Dankbarkeit ist keine politische Kategorie, wohl wahr. Aber Gedächtnislosigkeit ist ein politischer Fehler. Ihn begehen nicht wenige Intellektuelle und Künstler. Zwar war es eine Schnapsidee, den Theatermacher Claus Peymann darum zu bitten, das Fernsehduell zwischen Merkel und ihrem Herausforderer Steinmeier zu kommentieren. Aber was er dann sagte Politiker wie Sarkozy oder Berlusconi seien halt doch interessanter , ist Ausdruck einer keineswegs seltenen Frivolität, die ihre Tage endgültig hinter sich hat. Der Spaß ist vorbei, und wenn die Sprachlosigkeit erst einmal gewichen ist, wenn wir verstanden haben, was da wirklich passiert ist, wird es wieder einen ernsthaften Streit darüber geben, wohin dieses Land will. Und die SPD wird dabei eine Rolle spielen.
AUGUST 2009
Unsere Sprache: Aktuell
Wenn wir dem Deutschen Wörterbuch glauben dürfen, hat es das Wort »aktuell« im 19. Jahrhundert noch gar nicht gegeben. Es stammt von dem lateinischen actualis, was »tätig, wirksam, wirklich« heißt. Daraus entstand die Bedeutung »zeitgemäß« (aktuelle Mode) und »ganz neu« (bedeutsam für die Gegenwart). In den fünfziger Jahren war das Aktualitätenkino sehr beliebt, das in Großstadtbahnhöfen Filmberichte über Politik, Sport, Mode und andere Katastrophen zeigte. Die Kinos verschwanden, als das Fernsehen kam, und seitdem sind die Medien immer aktueller geworden. Das Speichenrad der Zeit dreht sich so schnell, dass es rückwärts zu laufen scheint: Oftmals kommt die Nachricht vor dem Ereignis. Heute heißt »aktuell« nur noch »jetzt«, und man sagt: »Die Ware ist aktuell nicht am Lager« oder: »Aktuell ist kein Termin frei.« Alles ist Gegenwart, alles aktuell, man kann uns nicht anders als glücklich nennen.
JULI 2009
Viel Rauch
In irgendeiner Krankenkassenzeitschrift war vor einiger Zeit ein missbilligender Aufsatz darüber zu lesen, dass im Kino und im Fernsehen immer noch viele Filme gezeigt würden, in denen geraucht wird. Rauchen ist tödlich, und wer einen Filmstar, sagen wir Humphrey Bogart, rauchen sieht, greift natürlich sofort selber zur Zigarette, woraus folgt, dass, wer Filme, in denen geraucht wird, öffentlich zeigt oder zugänglich macht, Beihilfe zu Mord und Selbstmord leistet. Oder so ähnlich. Jedenfalls hat die Süddeutsche Zeitung neulich auf ihrer Literaturseite unverantwortlicherweise ein großes Foto des jungen Peter Hacks veröffentlicht, auf dem man Hacks rauchen sieht. Was nur daran erinnert, dass die Schriftsteller (und wahrscheinlich die Künstler generell) in Sachen »Körperpflege und Gesundheitsreinigung«, wie Jürgen von Manger mal gesagt hat, nie sehr vorbildlich gewesen sind. Wo immer ein Häuflein der letzten Raucher und der letzten Trinker angetroffen wird, kann man sicher sein, dass ein Dichter darunter ist, und jeder auch nur halbwegs belesene Leser weiß, dass die Weltliteratur voll ist von wenig vorbildlichen Menschen, von Mördern und Gangstern, und leider auch von Rauchern und Trinkern. Die entscheidende Frage in diesem traurigen Zusammenhang lautet, ob der in einem Roman geschilderte Mord (um bei der Literatur zu bleiben) im Leser den Wunsch erregt, selber zu morden, oder in ihm hinreichende Abscheu vor solcher Untat erzeugt. Der Roman Unter dem Vulkan (1947) von Malcolm Lowry zum Beispiel schildert den Alkoholismus seines Helden, den körperlichen Niedergang und die mentale Zerrüttung derart eindringlich, die Seiten dieses Buches sind gewissermaßen derart von Alkohol getränkt, dass der Leser vermutlich lange zögern wird, ehe er zum nächsten Glas greift.
Dass die Literatur unserer hinfälligen Moral Stab und Stecken sein kann oder gar soll, ist eine alte Hoffnung. Karl Philipp Moritz erzählt, dass der junge Anton Reiser zu Hause keine Romane lesen durfte, sondern nur Heiligenlegenden und andere fromme Bücher mit vorbildlichen Helden. Was immerhin zu dem Ergebnis dieses großen Romans geführt hat. Vor Jahren wurde ruchbar, dass die französische Ausgabe von Pippi Langstrumpf heimlich um jene Passagen gekürzt war, in denen sich Pippi sehr respektlos gegen eine Lehrerin verhält. Und wer die unzensierte Ausgabe von Tom Sawyer gelesen hat, wird sich daran erinnern, wie die Jungs aus Maiskolben rauchen. Kurz: Die Literatur lässt uns in einen Abgrund an Gesundheitsverrat blicken, und man kann nur hoffen, dass sich die Mitsprache der Krankenkassen bei der Kanonfrage im Rahmen hält.
Jürgen von Manger übrigens, um ihn ein letztes Mal zu zitieren, hat treffend bemerkt: »Gesundheit und Krankheit ham eins gemeinsam: Is beides viel Einbildung.« So wie die Literatur.
MAI 2009
Lichter der Nacht
Ging eben, als schon tiefe Nacht war, vorm Schlafengehen noch kurz durch die Wohnung und sah geheimnisvolle kleine Lichter glimmen: die rote Bereitschaftsleuchte des Fernsehapparates, die weiße Zeitanzeige des Videorecorders, das Glimmen des DVD-Spielers, die grünen und gelben Lichter des Routers und des ISDN-Gerätes, die weiß blinkende des Laptops und die stetig grüne des Druckers, daneben die schwache ebenfalls grüne des Telefons, und all das gab in den dunklen Räumen fast das Abbild einer Sternennacht, eines kosmischen Zusammenhangs. Dabei fiel mir ein, dass ich selten in meinem Leben die Sterne wirklich gesehen habe; einmal, vor ewigen Zeiten, in einer spanischen Sommernacht, als ich mit meiner Freundin vorm Zelt saß, und wir hatten das Gefühl, Teil eines großen und glücklichen Augenblicks zu sein; und ein andermal, viel später, als ich in Grönland war, in einem Schlittenzelt, zusammen mit zwei Eskimos und drei Mitteleuropäern. Die Eskimos, bedeckt mit Eisbärenfellen, lagerten am Bug des Schlittens, der von einem weißen, über ein paar Streben gespannten Zelttuch überdacht war, und sie achteten im Halbschlaf darauf, dass der Petroleumbrenner nicht ausging, der für etwas Wärme sorgte, denn wir befanden uns am Rand des Inlandeises und es waren mehr als 20 Grad minus. Wir anderen hatten uns in unsere Schlafsäcke vergraben, und wir lagen Kopf bei Fuß, weil es so eng war. Mitten in der Nacht verspürte ich einen so starken Stuhldrang, dass mir nichts anderes blieb, als mich aus dem Schlafsack zu schälen und unter der dicht über dem Boden gespannten Zeltbahn ins Freie zu kriechen. Ich hatte nur dicke Socken an den Füßen, aber ich merkte zu meiner Überraschung, dass ich nicht im Schnee festklebte. Es war so kalt, dass ich gehen konnte wie durch weißen Sand. Ich ging durch die klare Nacht, sah die schneebestäubten Häuflein der Schlittenhunde, sah, als ich mich gebührend entfernt hatte, von weitem das leuchtende Zelt wie ein aus dem Weltraum gelandetes Flugobjekt, setzte mich nieder, um mich zu erleichtern, sah die uns umgebenden felsigen Hügel und dann den darüber erhobenen gewaltigen Panzer des Inlandeises. Und im Aufblicken gewahrte ich einen Himmel über mir, dessen Sterne so nah waren, dass sie mich förmlich ins All hineinzusaugen schienen. Es war ein göttliches Funkeln, ein so helles Leuchten, als wäre es eine Art nächtlicher Tag, als stünde ich, der ich einigermaßen erbärmlich dahockte, mit dem ganzen Kosmos in einer ebenso plötzlichen wie bedeutsamen Verbindung. Ich kann nicht genauer sagen, was mich da ergriff, aber es war etwas. Während ich ziemlich genau sagen kann, was die Lichter in meiner nächtlichen Wohnung bedeuten.
APRIL 2009
Das Präsens
Beim Lesen der für einen Wettbewerb eingereichten Manuskripte und Bücher fällt mir erneut auf, dass die meisten jüngeren Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur eine merkwürdige Vorliebe für das Präsens hegen, nicht selten kombiniert mit der ersten Person Singular. Das erzeugt den Anschein von Unmittelbarkeit und Intimität, obwohl doch jeder Leser weiß, dass Autor und Ich-Erzähler nicht identisch sind. Ein Satz wie: „Ich sitze am Küchentisch und beobachte eine Fliege auf meinem Handrücken“ bedeutet natürlich nicht, dass der Autor am Küchentisch sitzt und eine Fliege auf seinem Handrücken beobachtet, aber ich als Leser habe keinen Rückzugsraum, der mir erlauben würde, etwas anderes als diese einzige Person in diesem einzigen Augenblick wahrzunehmen. In der Literatur ist das Präsens ein für dramatische Momente geeignetes Stilmittel, das von großen Schriftstellern, die in der Regel das Präteritum bevorzugen, zum Zweck gesteigerter Intensität eingesetzt wird. Es handelt sich dann um das erzählende Präsens, dass in einem Vergangenheitsfeld unversehens Gegenwärtigkeit herstellt. Wenn aber das Präsens die Erzählebene völlig dominiert, dann gibt es keine zweite Dimension. Alles ist Gegenwart, alles ist dieses Ich. Das Ich des Lesers nun kommt als etwas Zusätzliches hinzu. Dieses Leser-Ich ist aber notwendig ein anderes Ich, es hat ein eigenes Bedürfnis nach Imagination, Entfaltung – was die Möglichkeit der Abschweifung natürlich einschließt. Im Präsens aber gibt es keinen Platz für solche Fantasien und Abschweifungen.
Nehmen wir zum Beispiel den berühmten Anfang des „Schloss“-Romans von Kafka und bauen ihn so um, wie es die meisten Autoren gegenwärtig machen, dann erhalten wir folgenden Text: „Es ist spät abends, als ich ankomme. Das Dorf liegt in tiefem Schnee. Vom Schloßberg ist nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgeben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutet das große Schloß an. Lange stehe ich auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führt, und blicke in die scheinbare Leere empor. Dann gehe ich, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus ist man noch wach, der Wirt hat zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er will, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, mich in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen lassen. Ich bin damit einverstanden. Einige Bauern sind noch beim Bier, aber ich will mich mit niemandem unterhalten, hole selbst den Strohsack vom Dachboden und lege mich in der Nähe des Ofens hin. Warm ist es, die Bauern sind still, ein wenig prüfe ich sie noch mit den müden Augen, dann schlafe ich ein.“ Man sieht: Daraus kann nicht viel werden, jedenfalls kein Roman von der Gewalt Kafkas. Die Alleinherrschaft des Präsens und der ersten Person Singular dient nicht der Steigerung des Ungewöhnlichen, sondern der Dauerherrschaft des Gewöhnlichen.
Bernanos
Lese das Tagebuch eines Landpfarrers des französischen Schriftstellers Georg Bernanos (1888 bis 1948) und empfinde ein stark zwiespältiges Gefühl, das man bei großen Texten gelegentlich hat, nämlich Faszination, weil sich hier eine fremde Welt öffnet, die voll von heute ungewöhnlichen Fragestellungen ist, der Frage nach der Schuld, nach der Möglichkeit des Glaubens, nach dem Ratschluss Gottes – und zugleich Abwehr gegen die masochistischen, lebensfeindlichen Grübeleien dieses seltsamen Heiligen, der magenkrank ist, untüchtig und der klassische Verlierertyp. Der angespannte Ernst jedoch, mit dem Bernanos fundamentale ethische Fragen erörtert, ist beeindruckend. Etwa die Frage nach der Gerechtigkeit und der Würde der Armut. Denn das Evangelium verkündet ja gerade den Armen seine Heilsbotschaft. Und was hat die Kirche (die katholische) daraus gemacht? Ein anderer Landpfarrer, mit dem unser trauriger Held immer wieder lange Gespräche führt, sagt einmal sinngemäß, der antike Sklave sei in einer menschlich besseren Lage gewesen als der entrechtete Arbeiter des Industriezeitalters, denn jener habe darauf vertrauen können, dass sein Herr ihn nicht ruiniere, da er Geld für ihn aufgewendet habe. Das Argument läuft darauf hinaus, dass die ständische Gesellschaft (eine Parallele wäre das Kastensystem) jedem Mitglied auf der jeweiligen Stufe, und sei es auf der untersten, ein gewisses Maß an Versorgung und Anerkennung gewährleistet. Erst der Gedanke der Gleichheit brachte den Knecht darauf, seine eigene Lage mit der seines Herrn zu vergleichen und alles daran zu setzen, es diesem gleich zu tun. Es entstand der Neid - und damit die Antriebsenergie der sozialen Bewegungen.
Nun ist der Gleichheitsgedanke ein urchristlicher Gedanke, weshalb ein anderer Diskutant in diesem Buch, das hauptsächlich aus solch philosophisch-theologischen Diskussionen besteht, der Kirche vorwirft, sie halte es mit den Reichen, gebe ihnen die Sitzplätze in der ersten Reihe der sonntäglichen Gottesdienste, während sich die Armen in den letzten Reihen zu verstecken hätten. Umgekehrt müsse es sein, die Kirche müsse die Armen nach vorne rufen und damit allen klar machen, dass sie die eigentlichen Träger des christlichen Gedankens seien. Interessant ist, dass die Diskutanten dieses Buches nicht im Ernst daran glauben, es lasse sich die schreiende Differenz zwischen den Armen und Reichen jemals aufheben. Die irdische Ungerechtigkeit ist unüberwindbar. Also besteht die Aufgabe vor allem darin, den Armen ihre Würde zu geben. Da steht im Hintergrund der franziskanische Gedanke der Armut und natürlich die Bibelstelle, eher gelange ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Das Ganze ist völlig imkompatibel mit unserer heutigen Denkweise. Wir betrachten Armut als ein Problem mangelnder Aufstiegschancen, dem durch sozialstaatliche Intervention vorgebeugt werden muss. Der Gedanke, ein Armer solle gewissermaßen stolz auf seine Armut sein, erscheint uns ebenso abstrus wie die Interpretation der christlichen Botschaft als einer Botschaft vor allem des jenseitigen Heils, das durch Entsagung im Diesseits eher zu gewärtigen sei. Marx und das „Opium des Volkes“ fallen uns sofort ein. Der Begriff der Armut im biblischen, im emphatischen Sinn ist uns völlig abhanden gekommen. Armut heute ist zunächst ein statistisches Problem, dann ein Problem sozialer Ausgrenzung, schließlich der Verwahrlosung. Die Würde der Armut – das klingt zynisch, und zynisch wäre es in der Tat, wenn daraus ein politisches Programm würde. Aber es ist ein eminent christlicher Gedanke, vielleicht eher ein katholischer, denn die Protestanten haben ihre Gottgefälligkeit häufig von ihrer hiesigen Tüchtigkeit abgeleitet.
Das verzwickte Tagebuch eines Landpfarrers wird dadurch noch verzwickter, dass die Armen in dieser Geschichte, auf die der Held sein Zutrauen setzt, entweder schiere Trottel oder bösartige Gesellen sind. Der Landpfarrer leidet an einer Magenkrankheit, die ihn am Ende auch besiegt, und wegen der ständigen Schmerzen ernährt er sich vorwiegend von Brot und Wein. Die Symbolik ist schon ziemlich dick, aber Bernanos scheut dergleichen keineswegs. Sein Buch ist das Requiem eines geborenen Verlierers, der an Dingen leidet (und daran stirbt), die wir hinzunehmen gewöhnt sind, also eines anderen Jesus. Alles sehr seltsam.
FEBRUAR 2009
Salman Rushdie, 20 Jahre Fatwa
Dass Bücher manchmal die Welt verändern, merkt man oft erst später. Die Publikation des Archipels Gulag von Alexander Solschenizyn (1974) war der Anfang vom Ende des Kommunismus, aber wirklich sichtbar wurde das erst 15 Jahre später, als der Eiserne Vorhang in sich zusammenfiel. Die Veröffentlichung der Satanischen Verse und der Mordaufruf des Islamisten Chomeini gegen den Schriftsteller Salman Rushdie vor 20 Jahren, am 14. Februar 1989 – das war, wie man heute sieht, der Anfang vom Ende des Kulturrelativismus. Er zeigte sich darin, dass nicht wenige Zeitgenossen damals die Ansicht äußerten, die Glaubensgewissheiten orthodoxer Muslime und die Menschenrechtsvorstellungen der westlichen Welt seien gleichrangig, und die Kunstfreiheit müsse angesichts der religiösen Empfindlichkeiten einer anderen Kultur zurückstehen. Man schlug vor, Rushdie solle die weitere Verbreitung des Romans unterbinden, zumindestdie anstößigen Passagen streichen.
Natürlich ist der Kulturrelativismus nicht ausgestorben, so wie ja auch der Kommunismus noch immer seine Anhänger hat. Doch sieht man heute deutlicher, dass dieser Relativismus einer Selbstpreisgabe gleich kommt. Die Menschenrechte gelten ganz und gar – oder eben nicht. Wer die Folter ein bisschen erlaubt, der erlaubt sie ganz, und wo die Meinungsfreiheit je nach politischer Opportunität ein bisschen eingeschränkt wird, da existiert sie prinzipiell nicht. Es kommt hinzu, dass die Kunstfreiheit gerade deshalb geschützt werden muss, weil sie dem unwissenden Verständnis nicht immer spontan einleuchtet. Was in einem Roman gesagt wird, gewinnt seinen oft vieldeutigen Sinn wesentlich aus der ästhetischen Form und im fiktiven Raum des künstlerischen Gebildes.
Das versteht sich nicht von selbst und führt immer wieder zu Konflikten, auch in der christlichen Welt. Ein halbes Jahr vor der Fatwa gegen Rushdie erregte Martin Scorseses Film Die letzte Versuchung Christi den Zorn christlicher Fundamentalisten, sie zündeten ein Pariser Kino an. Aber einen Mordaufruf hat es erstmals im Fall Rushdie gegeben, und er blieb nicht ohne Folgen. Nicht nur, dass sich der Autor fortan verstecken musste wie ein Verbrecher. Es gab Bombenanschläge auf Buchhandlungen, der italienische Übersetzer wurde schwer verletzt, der japanische umgebracht. In Deutschland drängte der Fall der Mauer im Herbst 89 das Thema rasch in den Hintergrund. Auch die internationale Öffentlichkeit wendete sich von Rushdie mehr und mehr ab, und zuweilen hatte es den Anschein, als habe er sich sein bedauernswertes Los letzten Endes selber zuzuschreiben.
Erst der Anschlag vom 11. September 2001 machte aller Welt klar, dass der Bequemlichkeitsfriede der Multikulturalisten nichts als ein frommer Wunsch war. Nun war Wirklichkeit geworden, was die Satanischen Verse vorausgeahnt hatten, der Konflikt gegensätzlicher Kulturen. Er ist, recht verstanden, kein Krieg, sondern eine geistige Auseinandersetzung. Man kann sie nur führen, wenn man sich seines Herkommens und seiner unveräußerlichen Überzeugungen sicher ist. Salman Rushdies Fall hat dies dramatisch klargemacht.
Unsere Sprache: Paradigmenwechsel
Nicht jeder hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, und vor allem löffelt er sie nicht Tag für Tag. Vieles von dem, was am laufenden Band gesagt und geschrieben wird, ist naturgemäß recht simpel. Nun ist die Mitteilung simpler Dinge der Stoff, aus dem unser Leben meist besteht, und man täte gut daran, das Simple simpel auszudrücken. Man könnte zum Beispiel sagen, dass die Stimmung auf den Immobilienmärkten deutlich schlechter geworden ist, was sich ja inzwischen herumgesprochen hat. Die FAZ jedoch zitiert einen Herrn Hettrich, seines Zeichens »Managing Partner von King Sturge«, mit dem Satz: »Auf dem Transaktionsmarkt sind wir Zeuge eines Paradigmenwechsels.« Gut gebrüllt. »Paradigmenwechsel« stammt aus der Wissenschaftstheorie und meint den grundstürzenden Wandel eines Weltbildes – etwa den Sturz des geozentrischen Weltbildes durch Kopernikus. Längst aber ist das Wort Mode geworden. Politiker lieben es, und wer sich aufblasen will, verwendet es für jede noch so banale Veränderung. In der Tat: Beim Gesundheitsfonds handelt es sich um einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik. Wohl wahr: Seit die Kinder aus dem Haus sind, bin ich in meiner Ehe Zeuge eines Paradigmenwechsels. Manche Leute wechseln das Paradigma häufiger als ihr Hemd.
JANUAR 2009
Konrad Heidkamp
Am 11. Januar 2009 ist der Freund und Kollege Konrad Heidkamp gestorben, im Alter von 61 Jahren. Er litt an Krebs, und es sah eine ganze Weile so aus, als könnte er die Krankheit besiegen. Erstaunlich, bewundernswert war, mit welch geradezu heiterer Tapferkeit er dagegen anging, er sprach offen über den Stand der Dinge. Die Stammzellentherapie, der er sich am Ende unterzog, war erfolgreich insofern, als die letzten bösartigen Zellen besiegt schienen, erfolglos insofern, als sein Organismus so geschwächt war, dass er eine Lungenentzündung bekam und an Herzversagen starb. Die Trauerfeier fand am 23. Januar auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg statt, etwa 200 Freunde und Kollegen nahmen daran teil, während draußen ein plötzlicher Wintereinbruch alles in ein weißes Schneegestöber hüllte.
Trauerrede auf Konrad Heidkamp, 23. Januar 2009
Liebe Brigitte, liebe Eva, liebe Linda,
liebe Freunde und Verwandte,
liebe Kollegen!
Es ist eine merkwürdige und beunruhigende Tatsache, dass wir erst im Augenblick des Todes die größtmögliche Aufmerksamkeit für einen anderen Menschen haben. Erst dann tritt er in aller Deutlichkeit vor unsere Augen. Es ist wahr, dass dies auch im Augenblick der Liebe geschehen kann. Wahr ist aber leider auch, dass wir den anderen Menschen oft erst dann wirklich sehen, wenn er nicht mehr da ist. Und dieser traurige Augenblick hier ist der Moment, in dem wir die Chance haben, Konrad wirklich wahrzunehmen. Oder, wie sein Name korrekt lautet, Konrad Heidkamp-Jakobeit.
Ich erwähne diesen vollständigen Namen deshalb, weil ich weiß, das Konrad und Brigitte eine ganz besondere Arbeitsgemeinschaft gewesen sind. Sie haben mitten in Eppendorf, wo sonst die Boutiquen und Weinhändler ihren Sitz haben, ein unsichtbares, aber weithin wahrgenommenes geistiges Zentrum gebildet. Da wurden englische und amerikanische Romane übersetzt, es wurden Jazzsendungen vorbereitet, es wurden Kinder- und Jugendbuchseiten geplant, es wurden Musik- und Literaturkritiken geschrieben. Es war ein Ort, wo intelligente, feinfühlige Menschen darauf geachtet haben, dass die Standards unserer Kultur Gültigkeit und Wirkungsmacht behalten. Dass diese Arbeitsgemeinschaft auch eine Lebensgemeinschaft war und vor allem eine Liebesgemeinschaft, das ist zweifellos der Fall, aber Sie werden verstehen, dass ich mich nicht imstande fühle, dazu mehr zu sagen.
Was ich für mich selber und vielleicht für einige von Ihnen sagen kann, ist zunächst bloß das traurige Faktum, dass wir in der Regel den Anderen, den uns Nächsten erst in der Ausnahmesituation wirklich erfahren. Wie oft habe ich Konrad gesehen, wenn er in mein Zimmer trat, nicht selten übrigens, um sich ein Päckchen Zucker zu holen, aus der Zuckerdose, die auf dem Konferenztisch steht, denn er trank seinen Kaffee immer mit Zucker. Und dann plauderten wir ein bisschen, beredeten ein paar Dinge, die beredet werden mussten, und manchmal sprachen wir auch über private Dinge, über unsre Töchter zum Beispiel, die dieselbe Grundschule besucht haben. Diese Gespräche waren nie sehr lang, Konrad neigte nicht zum Quatschen, er war ein diskreter Mann. Außerdem war natürlich immer irgendwas zu tun, das Telefon klingelte, jemand anderer steckte den Kopf durch die Tür.
Und jetzt, da ich mir dies vor Augen führe, bedaure ich, dass wir nicht länger und öfter miteinander geredet haben, denn er konnte spannend erzählen – wie spannend, das weiß jeder, der seine Aufsätze und seine Bücher gelesen hat. Und ich erinnere mich daran, wie begeistert er von der Reise nach Madeira erzählt hat, zusammen mit Brigitte im vergangenen Sommer, er erzählte so schön davon, dass ich mir vornahm, endlich auch mal nach Madeira zu fahren.
Wenn ich an ihn zurückdenke, dann fallen mir zwei Merkmale auf, sein Humor und seine Melancholie. Er hatte einen untrüglichen Sinn für das Komische, und er hatte dieses herzliche und dennoch irgendwie leise Lachen. Er neigte eher zum Schmunzeln als zum Grinsen. Er hatte das, was man mit dem schönen deutschen Wort „verschmitzt“ nennt, also etwas versteckt Ironisches. Er neigte in seinem Auftreten generell zum Leisen, was insofern bemerkenswert ist, als die Rockmusik, der er einen nicht geringen Teil seines Lebens und Schreibens gewidmet hat, nicht unbedingt der Ort der Stille ist. Ich habe Konrad nie laut erlebt. Das kann aber auch an den eher zur Gedämpftheit neigenden Fluren der ZEIT gelegen haben, und ich vermute fast, dass das zu Hause gelegentlich anders war, Eva könnte uns wahrscheinlich darüber Auskunft geben.
Und was nun die Melancholie betrifft, so ist dies eine Eigenschaft aller großen Geister. Dass Konrad in diese Reihe gehört, das haben die Nachrufe in allen wichtigen Zeitungen bewiesen, allen voran der Nachruf des Kollegen Claus Spahn, der uns gezeigt und vorgeführt hat, ein wie bedeutender Musikkritiker Konrad gewesen ist. Er hat die Musik einer ganzen Epoche, einer ganzen Generation hörbar gemacht – in seinen Rezensionen für die ZEIT und in seinen legendären Sendungen für den NDR. In diesen Nachrufen kam etwas zum Vorschein, was ich nachholende Gerechtigkeit nennen möchte. Es war fast so, als hätte man jetzt erst den tatsächlichen Rang Konrads erkannt.
Seiner Melancholie aber hat er vor allem in seinen Texten Ausdruck gegeben. Mit Melancholie meine ich: Er hatte einen großen Sinn für riskante, vom Scheitern bedrohte Künstler. Er wusste, dass wahre Kunst oft etwas zu tun hat mit den Erfahrungen des Schmerzes, der Einsamkeit, des Abschieds und auch des Todes. Die Helden des Jazz und des Rock, denen er seine Arbeit gewidmet hat, waren selten strahlende Sieger, es waren komplexe, vielschichtige Gestalten, es waren vom Scheitern bedrohte Menschen, die versucht haben, den Sinn des Lebens – für sich selber und für uns – in der Musik zu finden, so wie Bob Dylan oder Chet Baker. Es waren manchmal von Dunkelheiten verfolgte Künstler, wie Charlotte Rampling, oder tragische, wie Nico von Velvet Underground. Er hat sie in seinem Buch „Sophisticated Ladies“ beschrieben.
Für Konrad war die Kunst nicht Jux und Tollerei, sondern ein Mittel, das Fragwürdige und manchmal auch Schäbige der menschlichen Existenz zu durchdringen, zu übersteigen und dadurch zu einer besonderen Art von Schönheit zu gelangen. Das hat auch etwas mit Sehnsucht zu tun, mit dem eigentlich romantischen Projekt der Poetisierung. Über den „Tintentod“ von Cornelia Funke schreibt er: „Es ist ein großes Trostbuch geworden, ein Abschied von den Träumen und zugleich ihre Erfüllung.“ Und er schließt mit dem Satz: „Es ist die Sehnsucht, die uns lesen lässt.“ Es war übrigens Konrad Heidkamp, der Cornelia Funke entdeckt hat. Und es war die ZEIT, die als erste deutsche Zeitung über „Harry Potter“ geschrieben hat, lange bevor das Buch auf dem Umweg über Amerika zu einem Welterfolg wurde.
Konrad hatte also durchaus einen Sinn für das Populäre, er hat ihm gerne Platz eingeräumt – wenn es denn Qualität besaß. Konrads Aufreten wirkte ja immer sehr zurückhaltend und bescheiden. Ich glaube, dass das getäuscht hat, ich glaube, dass er eigentlich nicht bescheiden war, sondern sehr anspruchsvoll. Er hat einmal, in einem Aufsatz zum 20jährigen Bestehen des Luchs-Preises, den Higgelti Piggelti Pop von Sendak zustimmend zitiert: „Es muss im Leben mehr als alles geben“. Mir scheint, das war nicht nur ironisch. Denn ein paar Absätze vorher hatte er programmatisch gesagt: „Der Luchs ist arrogant, er fordert die gleiche Ästhetik für Kinder wie für Erwachsene.“ Hinter dieser Arroganz stand nichts anderes als der Gedanke, Kinder müssten ebenso ernst genommen werden wie Erwachsene, und deshalb war ihm das Billige, das Kitschige, das Blöde zuwider und verhasst.
Das letzte Stück, das Konrad für die ZEIT geschrieben hat, war eine Betrachtung des Kinderbuchklassikers „Der geheime Garten“ von Frances Burnett. Es gibt in dieser Geschichte einen kleinen kranken Jungen, der durch die Zauberkräfte des geheimnisvollen Garten geheilt wird. Die letzten Sätze von Konrads Text lauten:
„Ich werde leben! Ich werde gesund werden!“, rief Colin, „ich werde ewig leben!“ So sollten eigentlich alle Bücher für Kinder enden.
Als ich das jetzt wiederlas, stockte mir der Atem. Mir wurde klar, dass er damit auch etwas über sich selber gesagt hatte. Auch er wollte leben, auch er wollte gesund werden. Das Gegenteil ist passiert, und dies ist eine Tatsache, so brutal, dass man sie im Grunde gar nicht verstehen kann.
„Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.“ Es gab eine Zeit, in der die Menschen das besser wussten als wir heute. In der berühmten Versdichtung „Der arme Heinrich“ erscheint dieser Satz an zentraler Stelle. Mitten im deutschen Text taucht dieser lateinische Satz auf. Media vita in morte sumus. Er ist das eigentliche Thema dieses frühen Werkes der deutschen Literatur. Es handelt von einem Mann, den mitten im Leben eine tödliche Krankheit ereilt. Der Mann steht in der Blüte seiner Jahre, er hat Glanz und Ruhm gewonnen und die Zuneigung seiner Zeitgenossen. Dieser Ritter ohne Fehl und Tadel sieht sich plötzlich vom Tod bedroht.
Es war der Dichter Hartmann von Aue, der diese Geschichte vor etwa 800 Jahren niedergeschrieben hat. Hartmann von Aue formuliert darin das Lebensgefühl seiner Zeit, eine Erkenntnis, die besagt, dass keiner sicher sein kann: Jeden kann es jederzeit treffen. Hartmanns Ziel war es, seine Leser mit dieser unbekömmlichen Erkenntnis zu versöhnen. Er wollte ihnen sagen, dass das irdische Leben nur die Hälfte ist. Sein Weg der Versöhnung war die christliche Heilsbotschaft.
Ich fürchte, dass uns dieser Weg versperrt ist, und zwar ganz unabhängig davon, ob wir uns Christen nennen oder nicht. Der Weg ist uns versperrt, weil wir in einer anderen Zeit leben, in einer Zeit, die den Tod eben nicht akzeptiert, sondern die ihn bekämpft. Und dieser Kampf kann sich mit ebenso guten Gründen auf die christliche Botschaft berufen wie die schicksalsergebene Haltung, die Hartmann von Aue uns nahelegt. Weil wir aber im Kampf gegen den Tod, im Kampf gegen Siechtum, gegen Krankheit und Alter die erstaunlichsten Siege errungen haben, eben deshalb erscheint uns dieser Tod so mörderisch, so ungerecht. Und es hat wohl auch keinen Sinn, sich gegen dieses Gefühl zu wehren. Wir sind bestürzt über diesen frühen Tod, wir sind sogar empört.
Erlauben Sie mir bitte, dass ich einen Satz zitiere, der an der Stirnwand der Aula des Johanneums zu lesen ist. Der Satz könnte ebenso gut – oder gar besser – in der Aula von Evas Schule stehen, in der Aula des katholischen Sophie-Barrat-Gymnasiums. Denn der Satz stammt aus dem Lukas-Evangelium (21,15), und er lautet: Doso hymin stoma kai sophian. Ich werde euch Stimme und Weisheit geben. Das sagt Jesus zu seinen Jüngern in einem dunklen Augenblick. Sie wissen, dass er sterben wird. Und Jesus sagt ihnen voraus, dass schwere Zeiten auf sie zukommen. Er tröstet sie mit diesem Satz: Ich werde euch Stimme und Weisheit geben. Doso hymin stoma kai sophian.
Die Weisheit könnte darin bestehen, diese Tatsache, dass wir mitten im Leben vom Tod umgeben sind, anzuerkennen, ohne uns damit abzufinden. Also etwas daraus zu lernen. Was plötzlich wieder klar macht, das Lernen sehr schmerzlich sein kann. Und die Stimme ist nichts anderes als das Gedächtnis, die tätige Erinnerung. Es gibt ja nichts Schlimmeres als den Tod eines Menschen, den keiner kennt, an den sich keiner erinnert, der spurlos verschwindet, als hätte es ihn nie gegeben. Solche endgültigen, anonymen Tode, die überhaupt gar keine Stimme haben, gibt es sehr oft, das wissen wir. Dazu gehört der Tod von Konrad nicht, und das ist vielleicht doch ein kleiner Trost.
Konrad stand nicht allein mitten im Leben, sondern inmitten einer nach Tausenden zählenden Schar von Hörern und Lesern. Und er stand inmitten von uns hier, seinen Freunden, Verwandten und Kollegen, seiner Frau und seinen beiden Kindern. Wenn jeder von uns genug Stimme und Weisheit hat, wenn jeder auf seine Weise Konrad im Gedächtnis behält und dieses Gedächtnis überliefert, dann ist er zwar gestorben, aber nicht tot. Ich zum Beispiel erinnere mich an Konrads Lachen. Und andere erinnern sich an andere Eigenschaften und Eigenarten. Solange wir uns erinnern, so lange lebt Konrad in unserem Gedächtnis. Ich wünsche uns allen, dass er dort noch lange lebt.
Johnnes Mario Simmel und Gert Jonke
Der Zufall hat es gefügt, dass zum Jahresbeginn zwei österreichische Schriftsteller gestorben sind, die gegensätzlicher nicht sein könnten: der Romantiker Gert Jonke, 62, und der Realist Johannes Mario Simmel, 84 Jahre alt. Während Jonke nur einem überschaubaren Kreis von Literaturlesern vertraut war, erzielten Simmels Romane eine Auflage von insgesamt 75 Millionen. Ihre Titel wurden zu geflügelten Worten: Es muß nicht immer Kaviar sein (1960), Und Jimmy ging zum Regenbogen (1970), Hurra, wir leben noch (1978). Nicht wenige seiner Bücher kamen erfolgreich ins Kino, auch schrieb er selbst viele Drehbücher für den Film. Jonkes Romane hingegen beziehen sich oft auf die Musik: Schule der Geläufigkeit (1977) auf das Klavierwerk von Carl Czerny, Der ferne Klang (1979) auf die Oper von Franz Schreker, und einige seiner zahlreichen Theaterfantasien beschäftigen sich mit Anton Webern oder Georg Friedrich Händel.
Dieser Zufall erinnert auch an den alten Vorwurf gegen die Literaturkritik: dass sie das Erfolgreiche verachte. Was ihren Gefallen finde, gehe am Publikum vorbei. In der Tat sind Jonkes Bücher von der Kritik gerühmt, die von Simmel meist ignoriert oder verrissen worden. Das änderte sich erst 1987 mit dem Roman Doch mit den Clowns kamen die Tränen, der die Gefahren der Gentechnik wie ein Menetekel an die Wand malte. Nun wurde Simmel von einigen Kritikern als Aufklärer gepriesen. Es war die Zeit, da eine Katastrophenangst (vom Waldsterben bis zum Atomtod) grassierte, und Simmel knüpfte an diese Ängste an, um auf die tödlichen Risiken einer entfesselten Moderne aufmerksam zu machen. Überall sah er den Untergang am Werk. Er benutzte den Roman als Mittel zur Gegenpropaganda, aber Simmels literarische Mittel gingen über die der Kolportage, des Nervenkitzels, der Sensationslust selten hinaus. Seine effektversessene Sprache war nur ein blinder Spiegel der allgemeinen Ratlosigkeit.
Simmels Bücher waren Ausdruck eines Realismus, der in dem, was er darstellt und kritisiert, letztlich gefangen bleibt. Die schöne Aufgabe der Literatur aber bestünde darin, »mit Bewusstsein jenseits der Dinge zu sein«, wie Novalis sagte, also das Hamsterrad der sinnlosen Beschleunigung augenblicksweise zu verlassen, die eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen neu zu justieren. Das hat Jonke getan. Er verzauberte die Welt, und dieser Zauber wirkte doppelt: unheimlich und schön. Einerseits zog er dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Er wusste nicht mehr, was wirklich war und was eingebildet, was Fiktion und was Realität. Andererseits fing mit diesem Zauber die Welt auf einmal zu singen an, man konnte sie neu und anders sehen. Und man sah auch sich selbst ein bisschen anders. Jonke war, so Elfriede Jelinek anlässlich seines Todes, »einer der größten Sprachkünstler«.
Dass er selber das nicht war, hat Simmel gewusst. »Ich will gar keine Kunst machen«, hat er einmal bekannt, »wer mich vom ästhetischen Standpunkt beurteilt, liegt ganz falsch.« Der Roman ist keine reine Form, er kann zu vielerlei Zwecken dienen. Das realistische Projekt hat ebenso sein Recht wie das romantische. Aber wer von wirklicher Literatur redet, sollte nicht vergessen, dass sie aus Sprache gemacht ist.
OKTOBER 2008
Unsere Sprache: Wertigkeit
Gegen den neuen VW Golf spricht wahrscheinlich gar nichts außer den bedeutungsschweren Hochglanzprospekten, die in diesen Tagen einigen Zeitungen beigelegt sind und auf deren Titel die rätselhafte Zeile steht: »Wertigkeit neu erleben«. Was ist das? Offensichtlich die Substantivierung des Adjektivs wertig. Was nun ist wertig? Vermutlich etwas weniger Werthaltiges als das Wertvolle. Das Wertvolle hat einen Wert, und zwar keinen geringen, sonst wäre es minderwertig. Ah, da haben wir das Wort! Minderwertig, hochwertig. Keine geradezu poetischen Wörter, aber doch hergebrachte und gebräuchliche. »Wertigkeit« hingegen ist relativ neu und grassiert wie ein Schnupfen. Das Schöne daran ist die völlige Undeutlichkeit dessen, was gemeint sein soll. Wertigkeit vermittelt die Anmutung von Wert, ohne diesen Wert als etwas Definierbares oder Einklagbares behaupten zu wollen. Es ist ein Wert für die, die Kunstleder von echtem Leder nicht unterscheiden können oder jenes für höherwertiger halten, weil es preiswerter und pflegeleichter ist. Wer »wertig« sagt, will offenbar etwas loswerden, dessen Wert nicht sofort evident ist. Einem Porsche würde sein Liebhaber wohl kaum Wertigkeit nachsagen. Bei einem VW ist das was anderes.
SEPTEMBER 2008
Falsche Intimität
»Ich wusste gar nicht«, sagte jemand, als neulich der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann überall rezensiert und diskutiert wurde, »dass Celan mit dem Messer auf seine Frau losgegangen ist.« Ja, das wird wohl leider so gewesen sein, aber muss man das wissen? Muss man wissen, ob und wie der große Wolfgang Koeppen unter dem Alkoholismus seiner Frau gelitten hat, muss man wissen, wie vollkommen banal der große Franz Kafka sich verhielt, als ihm die Liebschaft mit der jungen Julie zu viel wurde? Man muss nicht, aber man weiß es jetzt.
Wir leben in einer Zeit, deren wachsende Wissbegier auf Intimes und Privates von einem wachsenden Fundus an Zeugnissen, Briefen, Tagebüchern gestillt wird; und Wissenschaftler ebenso wie Journalisten beeilen sich, jeden Winkel der scheinbar oder wirklich prominenten Person auszuforschen. Noch nie hat es so viele und voluminöse Biografien gegeben wie heute, und das liegt nicht nur an dem oft subventionierten Fleiß der Autoren, sondern auch an der – verglichen mit früheren Zeiten – komfortablen Quellenlage. Im nächsten Jahr feiern wir Edgar Allan Poes 200. Geburtstag, und wer sich an das Studium seines Lebens macht, wird voller Überraschung (und auch mit einer gewissen Freude) bemerken, dass es vor allem in Poes Kindheit und Jugend jede Menge weißer Flecken gibt, die der Leser mit eigenen Fantasien und Spekulationen ausfüllen kann. Wahr ist allerdings, dass die biografische Neugierde den Kern der Sache, nämlich das literarische Werk, oft verfehlt. In der Literatur ist die Versuchung immer groß, Text und Leben kurzzuschließen, was bei manchem Schriftsteller zu nichts Gutem führen kann. Da sind die Freunde der Musik weit besser dran: Hier führt vom Leben kein Weg zum Werk.
Das verbreitete Interesse aber an Menschen und ihren Geschichten, das vor allem in den Medien grassiert, ist nur scheinbar ein Interesse am Menschlichen. In dem Wunsch, alle Probleme, alles Politische, alles Begriffliche zu personalisieren, steckt ein zwanghafter Reduktionismus, der das Humane ans allzu Menschliche verrät. In Milan Kunderas Roman Die Identität betrachtet Jean-Marc den Büstenhalter der abwesenden Chantal, voller Rührung und auch Eifersucht, denn es gibt Anzeichen dafür, dass sie ihm etwas verbirgt, und er fragt sich: »Was ist ein intimes Geheimnis? Liegt darin das Individuellste, das Eigentümlichste, das Geheimnisvollste eines Menschen? Nein. Geheim ist das Allgemeinste, das Banalste, das Repetitivste und allen Eigene: der Körper und seine Bedürfnisse. Wenn wir diese Intimitäten schamhaft verbergen, so nicht, weil sie derartig persönlich sind, sondern im Gegenteil, weil sie so beklagenswert unpersönlich sind.«
Angewendet auf die Literatur, wäre der Gedanke so zu fassen: Das biografistische Interesse ist letzten Endes ein Irrweg, der das Persönlichste des Autors dort sucht, wo es gar nicht liegen kann: im beklagenswert Allgemeinen, das er mit vielen Zeitgenossen oder Leidgenossen teilt, wie etwa die Angeberei und Prahlsucht Poes oder die depressiven Verstörungen und Verfolgungsängste Celans. Das Persönlichste, Intimste des Autors ist nichts anderes als der literarische Text.
Unsere Sprache: Schnittstelle
Das Wort klingt nicht schön, und nur in nüchternem Zustand kann man es korrekt aussprechen. »Schnittstelle« ist aber ein nützlicher Begriff. Er stammt aus der Computerwelt und bezeichnet die Stelle, an der zwei Systeme so miteinander verbunden werden, dass sie Daten austauschen können. Ältere Wörterbücher (noch der Duden von 1980) verzeichnen das Wort überhaupt nicht. Es handelt sich um die Übersetzung von interface – durchaus keine schlechte, denn man kann dabei an eine Architekturzeichnung denken, die einen Schnitt durch ein Gebäude legt. Die beiden Hälften klappen auseinander, sodass man das Innere und die Beziehung der Räume zueinander -sehen kann. Der Computer beherrscht unsere Lebenswelt vollkommen. Da ihn aber die wenigsten Benutzer wirklich verstehen, ge-winnen die Begriffe seines Funktionierens eine magische Bedeutung, sodass »Schnittstelle« inzwischen überall da verwendet wird, wo irgendwelche Dinge oder Menschen irgendwie miteinander in Beziehung treten. Dann wird der Unterricht zur Schnittstelle zwischen Lehrer und Schüler, das Baby zur Schnittstelle zwischen Vater und Mutter, diese Glosse zur Schnittstelle zwischen Autor und Leser. Dass der sich nicht verletze, hofft Ulrich Greiner.
AUGUST 2008
Erotik
Die Freiheit, sich bei jeder Gelegenheit kleiden zu können, wie es einem beliebt, ist sicherlich ein Gewinn – verglichen jedenfalls mit der rigiden Kleiderordnung früherer Zeiten. Im Theater oder bei Konzertbesuchen sieht man das ältere Publikum noch mit Anzug und Kostüm oder Kleid, das jüngere hingegen in Jeans und Shirt. Diese Deregulierung hat sich überall durchgesetzt, abgesehen von den Kanzleien oder Wirtschaftsunternehmen, wo die Herren allzeit Anzug und Schlips tragen und wo auch die Damen dezent erscheinen und ihre Beine selbst im Sommer mit leichten Strumpfhosen bedecken. Das gilt auch für die höhere politische Szene, und es erinnert an die Ordenskluft der Priester und Mönche. In ihrer Uniformität drückte sie das Versprechen der Enthaltsamkeit aus: Neben der Aufgabe an die Sache (Selbstaufgabe) gibt es nichts anderes, keine Privatheit, keine Inszenierung einer Individualität. Aber diese neuen, teuer und einheitlich gekleideten Priester des Kapitals und des Erfolgs (wahrscheinlich gehören sie zur Elite) bilden nur den kleinsten Teil der im Alltag sichtbaren Menschen. Diese zeigen ein Bild völliger Enthemmung – wenn man denn so etwas wie Haltung aus der Erscheinungsweise ableiten kann. Und hier spielt der Wunsch nach erotischer Attraktion eine sprechende Rolle. Das Dekolleté, selbst schon ein altmodisches Wort, war früher festlichen Augenblicken vorbehalten, dem Ball etwa, dem Opernbesuch, der Familienfeier, und die Damen, die sich damit brüsten konnten, durften sicher sein, dass die Verheißung, die sie damit andeuteten, nicht ernsthaft in Anspruch genommen würde, es sei denn im Rahmen einer bestimmten Konvention, die je nach Lage variieren konnte. Heute sieht man, vor allem an warmen Tagen, die jüngeren Frauen in einer Aufmachung, die einst als schiere Anmache verstanden worden wäre. Weitgehend enthüllte Brüste und die bis an den Rand der Spalte gezeigte Gesäße (oftmals geschmückt mit dem sogenannten Arschgeweih) sind die Regel, und ich frage mich, wie die damit gemeinten männlichen Altersgenossen auf Dauer damit umgehen. Ich kann mir denken, dass sie abstumpfen oder auf die permanante Attacke weiblicher Reize mit Fluchtinstinkten reagieren, und meine begrenzte Wahrnehmung, die ich aus der Umgebung meiner beiden Töchter (18 und 22) gewinne, bestätigt mir, dass die erotische Initiative an die Frauen übergegangen ist – mit all den Nachteilen, die derjenige erfährt, der sie behaupten muss.
Es ist aber die weiblich-erotische Aggression keineswegs auf die gleichaltrige Kohorte begrenzt. Kürzlich wurde im ZEIT-Verlag ein Marktforschungsprojekt vorgestellt. Die etwa dreißigjährige Leiterin der in Auftrag gegebenen Befragung, mit der wir Kunden (Verlagsleiter, Redakteure und Kollegen von Vertrieb und Marketing, darunter etwa ein Drittel Frauen) ins Gespräch kamen, erschien in einem Kleid, wie man es eigentlich bei einer Abendparty erwartet hätte, jedenfalls konnte man sehen, dass sie hübsche Brüste trug. Ich fragte mich, was sie damit sagen wollte, denn es war in keiner Weise der Ort, wo dieses Signal etwas hätte befördern oder behindern können. Es mag aber sein, dass ich da etwas nicht verstehe. So wie gestern, als ich in der U-Bahn-Station eine Frau sah, vielleicht Anfang Vierzig, die gebräunte und wohlgebildete Schultern und Brüste besaß, was insofern leicht zu erkennen war, als sie ein hautenges und schulterfreies weißes Oberteil mit dünnsten Trägern trug, darunter einen offenbar hautbfarbenen BH, der ihre erigierten Brustwarzen zeigte. Im Übrigen stand sie auf hochhackigen Schuhen und hatte enge Jeans an. Mir schienen diese Signale auf der ziemlich leeren Station Klosterstern in Hamburg etwas verloren, auch im Waggon war kein Adressat solcher Aufmachung zu erkennen, und in der Tat stieg die Dame eine Station später aus. Die Umkehrung der geschlechtlichen Pole (der Mann als agierender, die Frau als reagierender Teil) ist in unseren Breiten weitgehend vollzogen, und man wird das Ergebnis abwarten müsssen. Ich glaube nicht, dass es den Frauen auf Dauer gefallen wird. Es wäre übrigens die Tatsache einer längeren Betrachtung wert, dass die Gleichstellung der Geschlechter, die mit allmählichem Erfolg durchgesetzt wird, auf dem Irrtum der Symmetrie beruht. Es gibt aber einer Asymmetrie. Auf der einen Seite die allseits beklagte des im Ökonomischen und Politischen dominanten Mannes, auf der anderen die weniger wahrgenommene der im weitläufigen erotischen Gefilde dominanten Frau.
JULI 2008
Neue Bücher
Vor ziemlich genau 25 Jahren spielte der Verleger Siegfried Unseld dem literarischen Betrieb einen ebenso genialen wie dreisten Streich. Der Suhrkamp Verlag, so kündigte er an, werde in diesem Jahr »aus dem Kreis der Novitäten-Regel ausbrechen« und keine neuen Bücher publizieren, sondern Titel aus seiner Backlist bringen. »Einmal möchte der Verlag innehalten, ein Zeichen setzen, einmal an das erinnern, was war und durchaus noch ist. Einmal aus der Erfahrung handeln: Nicht alles Neue ist gut, aber das Gute ist immer neu.« Damals (1983) war der Verlag 33 Jahre alt, und er präsentierte 33 Bücher von Autoren wie Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett und Bertolt Brecht bis hin zu Marcel Proust, Martin Walser und Peter Weiss. All diese alten Titel erhielten einen neuen, einheitlich weißen Umschlag und bildeten das mit großem Schwung verkündete »Weiße Programm«.
Es ist nicht nur eine Berufskrankheit des Kritikers, dass er darunter stöhnt, jetzt die ersten Bücher des Herbstes lesen zu müssen, da er mit denen des Frühjahres noch längst nicht ans Ende gekommen ist. Dem neugierigen Leser geht es nicht anders. Mag er noch so fleißig sein und sich noch so kundig machen, nie wird er auch nur annähernd den Dschungel der Neuerscheinungen durchdringen. Die Frankfurter Buchmesse präsentierte im vergangenen Jahr 120000 neue Bücher. In der Sektion deutschsprachige Belletristik erschienen 14000 Novitäten. Davon bestand etwa die Hälfte aus Romanen. 7000 neue Romane im Jahr! Selbst wenn wir annähmen, nur ein Zehntel davon tauge etwas, hätten wir immer noch 700 Romane, die wir eigentlich lesen müssten, das heißt zwei pro Tag.
Kein Leser rechnet so, keiner will alles lesen, und müssen tut er schon gar nicht. Aber er muss hurtig sein, wenn er die nicht allzu vielen wirklich guten Bücher rechtzeitig erwischen will. Denn es stimmt leider, dass das Neue der Feind des Alten ist, und die Buchhandlungen nehmen immer mehr den Charakter von Schleusen an, die zweimal im Jahr die Titelflut durch ihre schmalen Tore pressen. Alt ist ein Buch nach wenigen Monaten, was zumeist bedeutet: Es ist verloren und vergessen, mag es noch so gut sein.
Nun ist die Klage über zu viele Bücher eine Klage auf luxuriösem Niveau, denn der Reichtum, die Vielfalt unserer Buchlandschaft ist einzigartig, sowohl im historischen als auch im globalen Vergleich. Und doch hat man bei nicht wenigen Verlagen den Eindruck, dass ihnen ein »Weißes Programm« von Zeit zu Zeit ganz gut täte. Sie produzieren nämlich allzu oft Bücher, denen es an irgendeiner Notwendigkeit aus literarischen oder sachlichen Gründen völlig mangelt, Bücher, bei denen es ziemlich egal ist, ob man sie liest oder nicht. Auch der erste Blick in die Herbstproduktion weckt den Wunsch, die Verlage möchten damit aufhören, die Regale mit vollkommen Entbehrlichem vollzustopfen.
Verlage sind auch Wirtschaftsunternehmen, die ihren Umsatz in der Hoffnung steigern, es werde sich ein Gewinn ergeben. Den Umsatz steigert man am leichtesten, indem man die Titelzahl erhöht. So werden Programmplätze aus ökonomischen Gründen gefüllt, und dann ist selbst das Mittelmäßige und bloß Rechtschaffene durchaus willkommen, wenn sich das Außerordentliche oder Geniale nicht gefunden hat. Die Hoffnung, es werde sich in jeder neuen Saison ein neuer Kleist oder Kafka zeigen, ist, wie sich jeder denken kann, absurd. Das Erwartungsmuster orientiert sich an der Warenwelt, die uns pausenlos mit immer besseren Modellen lockt. Jedes neue Auto, jeder neue Computer ist schneller oder effizienter als sein Vorgänger. Nichts ist nutzloser als veraltete Technik.
Die Beschleunigung der Innovation bedeutet zugleich eine Beschleunigung des Veraltens. Dieses Gesetz aber gilt nicht für die Welt des Geistes. Hier stimmt, was Unseld sagte: »Nicht alles Neue ist gut, aber das Gute ist immer neu.« Die Bedeutung von Kleists Kohlhaas oder Kafkas Process schwindet nicht mit dem historischen Abstand, im Gegenteil. Je mehr neue Bücher erscheinen, desto mehr verdrängen sie die alten. Doch je genauer und länger man hinsieht, umso mehr wird klar, dass von all dem Neuen auf Dauer wenig bleibt. Und dann ist man froh um eine neue Übersetzung von Stendhals Kartause von Parma oder Faulkners Licht im August. Man liest das (wenn man sich die knappe Lesezeit nicht von all dem Überflüssigen hat vernichten lassen) und begreift plötzlich wieder, was Literatur ist.
Neorealismus
Der Zweifel gehört nicht zu den größten menschlichen Tugenden. Am Beginn von Wolframs Parzival heißt es sinngemäß: In wessen Brust der Zweifel haust, der führt ein trauriges Leben. Auch der Sprachzweifel gehört nicht zu den größten literarischen Tugenden. Die gelungenen Werke setzen über ihn hinweg wie der Reiter übern Bodensee.
Aber so wie der Zweifel den Anfang allen Denkens bildet, so der Sprachzweifel den allen Schreibens. Wer nie darüber nachgedacht hat, wie weit ihn seine Sätze tragen, der kommt nicht weit. Der Sprachzweifel gleicht einer Krankheit, die man als Schriftsteller durchlitten haben muss, um einer zu sein. Weite Teile der deutschen Gegenwartsliteratur aber machen den Eindruck, als wären ihre Urheber niemals krank gewesen. Sie schreiben mit einer arglosen Geläufigkeit, als ginge es darum, die Welt so abzubilden, wie sie ist. Schriftsteller aber sollten wissen, dass die beschriebene Welt immer auch die angeschaute Welt ist, und ihre »Weltanschauung« ist abhängig von einem tückischen Instrument: der Sprache. Weil dieses Werkzeug von Wissenden wie von Unwissenden tagaus, tagein benutzt und auch missbraucht wird, versagt es manchmal wie ein schartiges Messer oder schlägt zurück wie eine Hacke, auf die man versehentlich getreten ist.
Der Neorealismus, der jetzt überall herrscht, gibt sich mit dem Mitteilungscharakter der Sprache völlig zufrieden. Unerschrocken teilt er uns mit, wie die Helden sich fühlen, welche Klamotten sie tragen und wie der Küchentisch aussieht, an dem sie ihr Bier trinken. Auch der Seelenschmerz, den sie darin ertränken, wird meist ausführlich ausgebreitet. Zuweilen fühlt man sich an ein sehr einfaches Gedicht von Gerhard Rühm erinnert, das solche Probleme viel kürzer und eindringlicher darstellt. Vor lauter heulendem Selbstgenuss geht hier das »du«, dem die Klage gilt, nahezu unter:
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuduuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
uuuuuuuuuuuuuuuuu
Die Beschreibungsliteratur ist beliebt, weil sie schildert, was wir alle sehen, und erzählt, was wir alle erleben. Die Verlage drucken kaum noch etwas anderes. Sie lieben den Neorealismus. Die großen Realisten aber wussten, dass sie die Realität, die sie abzuschildern schienen, nach ihrem eigenen Bild geformt hatten. Und zweitens wussten sie, dass ein simples Wort nie nur ein simples Wort ist, sondern einen Hall erzeugt, in dem alles mitschwingt, das Ensemble der Wörter drumherum und vor allem auch der Bedeutungsraum, den die Literatur und ihre Überlieferung immerzu verändert.
Es war im Jahr 1902, als der damals 26 Jahre alte Hugo von Hofmannsthal seinen Brief des Lord Chandos an Francis Bacon veröffentlichte, das berühmteste Dokument des Sprachzweifels. Der junge Dichter Chandos erklärt darin, warum es ihm nicht mehr gelinge, so unbefangen zu schreiben wie früher. Selbst normale Gespräche machten ihn ratlos: »Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in einem solchen Gespräch vorkamen, in einer unheimlichen Nähe zu sehen: so wie ich einmal in einem Vergrößerungsglas ein Stück von der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Brachfeld mit Furchen und Höhlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen und Handlungen. Es gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.«
Selten ist der Sprachzweifel so sprachmächtig beschrieben worden, selten hat die Unfähigkeit, sich auszudrücken, sich so schön ausgedrückt wie hier. Hofmannsthal allerdings hat diese Krise nicht gebraucht. Schon vor ihr wusste er, was Sprache ist. Die meisten unserer Autoren aber schreiben ihre Bücher nach der Devise: Stein auf Stein, das Häuschen wird bald fertig sein.
Botho Strauß hat kürzlich gesagt, dass die Sprache im gesamten Spiel der Reize eine schwindende Sensation darstelle – Sprache, verstanden »als zentrales, dunkles, suggestives Daseinsorgan, das Gegenteil von ›schönem Stil‹ einerseits und zweckdienlicher Kommunikation andererseits«. Und er sah die Gefahr voraus, »dass die Kompetenz für Literatur zivilisationsgeschichtlich abnimmt oder ausstirbt«. Man muss diesen Zweifel nicht teilen, aber etwas mehr Zweifel täte dem Literaturbetrieb gut.
Unsere Sprache: Blaupause
Wenn Kollegen protzen wollen, sagen sie gerne, sie hätten »Waschkörbe voller Leserbriefe« gekriegt, obwohl der gute alte Waschkorb längst im Museum steht. Und wenn wir jemanden für charakterlos halten, nennen wir ihn einen »Trittbrettfahrer«, obwohl die Zeit, als Straßenbahnen noch Trittbretter hatten, auf die man springen konnte, längst vorbei ist. Die Rede vom »Waschbrettbauch« des sportgestählten Nachbarn am Badestrand bezieht sich ebenfalls auf einen Gegenstand, den kaum ein lebender Zeitgenosse mehr aus eigener Anschauung kennt. Auch die »Blaupause« gehört dazu. Eine Zeitung fragte neulich, ob die Vorgänge in Hessen eine »Blaupause« für die nächste Bundestagswahl sein könnten, und in einem Buch war von einer »Blaupause« für den Irakkrieg die Rede. Die Blaupause ist eine durch umständliche chemische Verfahren gewonnene Kopie, vor allem von Bauplänen. Seitdem es Kopierer gibt (und vor allem Computer), ist die »Blaupause« nur noch eine Metapher ohne Realität. Gerade deshalb, weil wir den technischen Vorgang nicht mehr vor Augen haben, klingt sie interessant. Die Sprache ist ein Schatzhaus eigener Art, sie bewahrt Dinge auf, die es kaum mehr gibt und die wir sonst vergäßen.
JUNI 2008
Bestseller
Der Blick auf die Bestsellerlisten führt zuweilen in die Irre. Wer nämlich glaubt, die dort erfolgreichen Verlage zählten zu den Großen der Branche, muss sich nur die neue Statistik der Branchenzeitschrift buchreport angucken, wo die hundert größten deutschsprachigen Buchverlage aufgeführt sind. Da steht an erster Stelle (mit einem Jahresumsatz von rund 600 Millionen) der Verlag Springer Science + Business, gefolgt von drei Verlagsgruppen (Klett, Cornelsen, Westermann), die vor allem mit Schulbüchern und Lehrbüchern erfolgreich sind. Die größten vier Verlage machen Umsatz mit Titeln, die auf den Bestsellerlisten gar nicht geführt werden. Der DuMont Literaturverlag hingegen, der jetzt mit den Feuchtgebieten von Charlotte Roche etwa so zum Erfolg gekommen ist wie die Jungfrau zum Kind, steht auf Platz 1 der Bestsellerliste, aber lediglich auf Platz 96 der 100 größten Verlage. Und selbst der Verlag Diogenes, der regelmäßig mit Erfolgsbüchern die Regale erobert (jetzt wieder mit Bernhard Schlinks Wochenende), erreicht nur den 44. Rang der buchreport-Statistik. Die ersten wirklichen Literaturverlage, die man dort findet, sind S. Fischer und Rowohlt. Sie besetzen mit jeweils knapp 70 Millionen Euro die Ränge 21 und 22. Und es versteht sich von selbst, dass Verlage wie Schöffling oder Kunstmann, Wagenbach oder die Frankfurter Verlagsanstalt dort niemals auftauchen werden.
Auch wenn die größten Verlage nicht zu den größten Unternehmen zählen (der VW-Konzern hat einen Umsatz von rund 100 Milliarden), so kann man doch auch mit Büchern eine Menge Geld bewegen. Mit Büchern – aber kaum mit Literatur und schon sehr kaum mit guter Literatur. In der öffentlichen Wahrnehmung der Neuerscheinungen jedoch macht sich eine Art Ökonomismus breit: Die Zahlen zählen. Wenn man genau hinguckt, dann sieht man, dass die Erfolgsmeldungen aus Häusern kommen, die, von den Wolkenkratzern der tatsächlich Großen aus betrachtet, gerade eben noch erkennbar sind. Selbst der Carlsen Verlag, der 2007 mit Harry Potter eine Steigerung von 207 Prozent erzielte, ist mit einem Umsatz von 80 Millionen ein kleines mittelständisches Unternehmen geblieben (obwohl er zur schwedischen Bonnier-Gruppe gehört).
Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Qualität und Verkaufserfolg. Weder gilt die alte Kritikerregel, ein erfolgreiches Buch könne unmöglich etwas taugen, noch gilt die neue, was viele kauften und läsen, könne so schlecht nicht sein, und in jedem Fall müsse man ausführlich drüber schreiben. Die Magie der Zahlen wirkt bis in die Kritik hinein, obwohl es keinen Grund gibt, dem, was von selber läuft, das Laufen beizubringen. Natürlich verdient Harry Potter (er steht noch immer auf der Bestsellerliste) unsere Aufmerksamkeit, weil es sich dabei um Literatur handelt, aber das gilt für Schlink und Roche keineswegs. Man sollte sich durch Zahlen die Kategorien nicht in die schändlichste Verwirrung bringen lassen und an Brechts Lied von der Moldau denken, wo es heißt: »Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.«
Unsere Sprache: public viewing
»Aus für Clinton« hieß neulich eine Überschrift, als Hillary sich im Kampf gegen Barack Obama endlich geschlagen gab. Dieses »Aus für…« liest man immer dann, wenn es mit einer Person oder Sache wirklich aus ist oder sein soll, so wie Jeremias sagt: »Rahel beweinete ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.« Da wir jetzt wegen der Europameisterschaft ständig Fußball gucken, wissen wir, dass das Aus im Spiel überhaupt kein Aus im Sinne des »Aus für Clinton« ist, im Gegenteil: Das Spiel geht weiter. Das stimmt allerdings auch für Clinton, denn es ist ja keineswegs aus mit ihr. Das »Aus für…« verdankt sich der journalistischen Not, angesichts ständig wachsender Schriftgrößen mit möglichst wenig Zeichen auskommen zu müssen. So bringen uns die Zeitungen ein schräges Deutsch bei. Noch schräger ist das »Public Viewing«. Früher, als man noch deutsch redete, sagte man Open Air dazu, und noch früher, als man kein Englisch konnte, sprach man von Freilichtbühne. Englisch aber können die meisten immer noch nicht, denn public viewing heißt Aufbahrung. Nun ist es leider wahr, dass manche Spiele dieser EM tatsächlich Aufbahrungen gleichen, etwa das deutsch-kroatische. Hoffentlich kommt bald das Aus für public viewing.
MAI 2008
Henri-Nannen-Preis
Die Verleihung der Henri-Nannen-Preise, die vor wenigen Tagen (9. Mai) im Hamburger Schauspielhaus stattgefunden hat, wirkte wie die Abschiedsvorstellung eines alt gewordenen Emporkömmlings, der mit seinem Reichtum protzt und noch einmal auf den Sack haut, bevor ihn der Schlag trifft. Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns Gruner+Jahr, Kundrun, kam in seiner Begrüßungsansprache auf die Bedrohung der Pressefreiheit durch sicherheitspolitische Reglementierungen zu sprechen, und er tat dies mit Blick auf die Kanzlerin Merkel, die unten saß, weil sie die Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki halten sollte, der den Preis für ein Lebenswerk bekam. Kundrun vergaß zu erwähnen, dass die größere Bedrohung der Pressefreiheit im Renditestreben der Konzerne liegt, die nichts anderes kennen als den Erfolg am Markt, die frei sind von jeder inhaltlichen Idee, bar jeder moralischen Vorstellung davon, wie eine Qualitätspresse heute auszusehen hätte. Wer sich fragt, wann zuletzt G+J durch intellektuell anspruchsvolle Produkte oder Projekte aufgefallen wäre, dem wird so leicht nichts einfallen. Der stern jedenfalls, den man in diesen Kreisen vermutlich das Flagschiff nennt, wird in die Geschichte als das Magazin eingehen, das auf die Hitler-Tagebücher hereingefallen ist. Man kann sich auch daran erinnern, dass G+J die Berliner Zeitung, deren Weiterführung dem Konzern nicht als publizistische Aufgabe erschienen ist, sondern als finanzielles Risiko, an Montgomery verschachert hat, der sie eben zugrunde richtet.
Die Konzerne, die immer da investieren, wo sie Geld wittern, früher Fernsehen, jetzt Internet, haben sich angewöhnt, das, was einst Zeitung oder Presse hieß, "print" zu nennen, und so war an diesem Abend auch ständig von "print" die Rede. Die Veranstaltung selber aber gehorchte von der ersten bis zur letzten Minute der Fernseh-Ästhetik, sie war eine Show, deren Niveau dem einer Samstag-Abend-Sendung völlig gleichkam, wozu passte, dass Frau Miosga das Publikum durch die Programmpunkte geleitete, als bestünde es nicht aus journalistischen Kollegen, sondern aus Couch-Potatoes, die auf den Werbeblock warten. Die Pause kam aber nicht, und so musste man die Musikeinlagen und Kabarettszenen, die den Übergang zwischen den einzelnen, nach dem Oskar-Prinzip gestalteten Verleihungsschritten herstellen sollten, geduldig ertragen. Was aber den meisten Zuhörern insofern leichtzufallen schien, als sie nichts Anderes erwartet hatten. Am Eingang und in den zahlreichen Foyers des alten Hauses, wo später gewaltige Buffets auf das satte Publikum warteten, standen und liefen junge Menschen herum, die im Stil der zwanziger Jahre geschminkt waren und Zeitung lasen oder in Zeitungspapierkleidern steckten. Die Mädchen, die ihre Beine und Brüste zeigten, waren sehr hübsch.
Die ausgezeichneten Kollegen haben ohne Zweifel ihre Preise verdient, fatal aber, dass sich die Branche hemmungslos selbst feierte, als ginge es um die höchsten Weihen. Mit keinem Literaturpreis, mit dem Büchnerpreis und mit dem Friedenspreis nicht, wird ein solcher Aufwand getrieben. Dabei geht es doch nur um Journalismus. Er ist Handwerk, er hat eine dienende Funktion. Wichtig genug, in der Tat. Aber Bescheidenheit ist eine Zier. Seltsam, dass die einst großartigste Stätte des deutschen Theaters, das Schauspielhaus in Hamburg, zur Location eines Events verkam, das aus einer Mischung von Marketing und Selbstüberschätzung bestand. Man hatte das Gefühl: die besten Tage von "print" sind vorüber. Einziger Trost die Auszeichnung Reich-Ranickis. Merkels Rede war brav und nichtssagend, aber als der Alte (fast 88 ist er) das Podium erklomm und mit vor Glück strahlender Miene seine Pointen ins Auditorium krähte, war man ein bisschen getröstet.
MÄRZ 2008
Berlin
Wer mit dem Zug durch Deutschland fährt, sieht selten die schönsten Seiten der Städte. Niemand wohnt gerne am Bahndamm, und so führen die Gleise meist durch Industriegebiete oder vorbei an ärmlichen Behausungen. Und doch ist die Einfahrt in den Frankfurter Hauptbahnhof recht schön, man überquert den Main und hat, vom Süden kommend, den Stadtwald gesehen oder, vom Osten, die Gemüsefelder von Oberrad und die alten Häuser von Sachsenhausen. Auch die Einfahrt nach Hamburg gibt einen Eindruck von der Stadt. Wer von Berlin kommt, sieht die Industriekanäle mit den alten Quartieren, einige ansehnliche neue Bürogebäude, unter denen Teheranis Glasbogen das eindrucksvollste ist, und wer von Hannover kommt und nach links schaut, gewinnt im Anblick der Speicherstadt und ihren Wasserstraßen ein Gefühl für den maritimen Charakter der Stadt. Ähnliches gilt für Köln und sein Rheinpanorama oder für Stuttgart und seine verwirrend hügelige Landschaft. Keine Stadteinfahrt und -durchfahrt aber ist so gründlich abstoßend wie die in Berlin. Nicht allein, dass jede senkrechte Fläche, ob Brückenbogen, Lärmschutzwand oder Hausmauer, mit den inzwischen nur noch grobianisch tristen Graffitis verschmiert ist. Das Gelände ist angefüllt mit elenden Brachen, wo sich Abfall aller Art sammelt, Autowracks, Industriemüll, Reste von Baracken, und die Bahndämme sind mit Plastiktüten und Flaschen übersät. Es kommt hinzu, dass man nirgends einen ästhetischen Zusammenhang erblickt, überall nur die bizarren Inseln einzelner Gestaltungsversuche (wie etwa das Hansa-Viertel oder das neue Regierunsgelände), dazwischen aber das Chaos des absolut Hässlichen. Das Bild ändert sich kaum, wenn man aussteigt. Diese billige Möchtegern-Architektur, die ihren einstweiligen Höhepunkt im Areal des Potsdamer Platzes gefunden hat, wo sich Berlins Kern offenbart: Das Billige und das Geschmacklose haben sich hier unter dem Stern der erhofften Rendite den Anschein von Glanz gegeben. Wahrscheinlich ist Berlin einer der hässlichsten Metropolen überhaupt, von einigen der Dritten Welt vielleicht abgesehen. Manche Neu-Berliner geben vor, gerade das für interessant zu halten. Als wäre das Hässliche ein Beweis für Modernität. Man muss aber nicht an das kleinstädtisch hübsche Bonn zurückdenken, um sich vor dieser Hässlichkeit zu fürchten. Es ist unwahrscheinlich, dass sie nicht etwas vom Geist dieser Stadt verrät, der vermutlich auch politisch wirksam ist.
Super Leben
Eine alte Notiz, zufällig betrifft sie den neuen (jetzt schon gewohnten) Berliner Hauptbahnhof. Dort hing im vergangenen Herbst der folgende Spruch vom Dachhimmel: COCA COLA ZERO – ECHTER GESCHMACK UND ZERO ZUCKER. WARUM NICHT EIN SUPER LEBEN MIT ZERO KEHRSEITEN!
Jugend
Von seinem Vaterhaus pflegte Marcel Reich-Ranicki zu erzählen, dass, wenn die Suppe auf den Tisch kam und der Vater sich beklagte, sie sei zu heiß, die Mutter weise entgegnete: "Das ist ein Fehler, der von selber besser wird." Ist die Suppe zu heiß, ist die deutsche Literatur zu jung? Wenn es nach den Notierungen geht, die an den literarischen Börsen Konjunktur haben, kann sie gar nicht jung genug sein. Als Benjamin Lebert in Crazy sein Frühlingserwachen probierte, war die Begeisterung allgemein: So jung! Als wäre die Tatsache, dass da einer den literarischen Windeln entstieg, nicht genug zu rühmen. Seitdem wird an jungen Autoren vor allem gelobt, dass sie jung sind, und die Zahl der Förderpreise für juvenile Anfänger ist Legion. Auch die Fernsehmoderatorin Charlotte Roche, die gerade eben mit ihrem abstoßend banalen Erstlingsroman Feuchtgebiete Auflagenerfolge erzielt, genießt mit ihren 29 Jahren den Jugendbonus. Ist Jugend ein literarischer Qualitätsbeweis? Sicherlich, Rimbaud oder Hofmannsthal, Büchner oder Brecht haben in jungen Jahren die literarische Welt ihrer Zeit das Staunen gelehrt, und es ist wahr, dass der radikal neue Blick, der kühne Bruch mit dem Überlieferten ein Vorrecht der Jugend ist. Es ist aber ebenfalls wahr, dass die Chance, ein Siebzigjähriger werde mehr zu erzählen haben als ein Siebzehnjähriger, wesentlich größer ist.
Literatur hat auch mit dem Reichtum erlittener Erfahrungen zu tun, der natürlich an das Lebensalter gebunden ist - ganz abgesehen von formaler Kompetenz, die man erst durch lange Übung gewinnt. Warum aber ist literarisches Jungsein dermaßen en vogue? Kunst geht nach Brot, und auch die Literatur ist nur Teil des herrschenden Verwertungssystems. Wenn der Markt alles, was jung ist, hemmungslos favorisiert und prämiert, ausstellt und ausbeutet, dann betrifft das auch den literarischen Markt. Er ist weniger am Text und seiner immanenten Qualität interessiert als am durchsetzbaren Gesamtprodukt. Es besteht aus Text und Autor, aus Buch (samt Titel und Umschlag) und der leibhaftigen Person (samt Biografie, Alter und Aussehen). Autoren, zumal weibliche, lassen sich jung besser verkaufen als alt. Jung, Frau und vielleicht sogar aus Berlin: Das bringt's, das machen wir, das loben wir, so jung kommen wir nie wieder zusammen. Und die Kritik spielt mit. Sie sollte lieber die Alten lesen, vielleicht sogar Kurt Steinmanns neue Übersetzung der Odyssee, um zu begreifen, welche Standards es gibt. Und warum nicht mal ein Preis für siebzigjährige Debütanten? Ihr Leben hatten sie schon, und nun sollen sie davon erzählen, wenn sie können. Denn Jungsein ist ein Fehler, der von selber besser wird.
Unsere Sprache: Kinderdöner
Worum uns Ausländer beneiden, wofür sie uns hassen, ist die Fähigkeit der deutschen Sprache zu Substantivkoppelungen, deren berühmteste der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän ist. Dass die Koppelung ihre Tücken hat, konnte man neulich an der Überschrift "Kinderarmut in Deutschland" sehen. Ist das die Armut von Kindern oder die Armut an Kindern? Das zusammengesetzte Substantiv verlangt vom Leser einen reichen Schatz an Erfahrung. Er weiß, dass eine Messingschraube aus Messing, eine Holzschraube aber nicht aus Holz gemacht, sondern für Holz gedacht ist. Zwar ist ein Steinhaus aus Stein gebaut, aber ein Architektenhaus nicht aus, sondern von Architekten, und ein Zweifamilienhaus nicht von zwei Familien, sondern für zwei Familien. Der Leser G. aus Hamburg schickt mir das Foto einer Imbissbude, die folgendes Angebot macht: »Chickendöner 2,50 €, Kinderdöner nur 2,00 €«. Haben wir es hier mit einem extremen Fall von Kindesmissbrauch zu tun? Übrigens ist das Wort »Chickendöner« sehr schön. Es gibt sie, die multikulturelle Gesellschaft.
FEBRUAR 2008
Zölibat
Die Äußerung von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, dem neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, es gebe kein wirklich theologisches Argument für den Zölibat (Spiegel vom 18. Februar), ist weithin als mutig verstanden worden. Es gibt aber eine Ungereimtheit insofern, als Zollitsch dafür plädiert, Frauen fürs Priesteramt nicht zuzulassen, weil dies der kirchlichen Tradition widerspreche. Wenn das historische Argument gelten soll, und in der Tat ist es kein schwaches Argument, dann könnte man es auch für die Ehelosigkeit in Anschlag bringen, die zwar nicht von Anfang an galt, aber doch schon sehr lange Praxis und Gebot ist. Wobei man hinzufügen kann, dass Ehelosigkeit nicht immer zugleich sexuelle Enthaltsamkeit bedeutet hat. Wahr ist aber, dass die Rolle des Priesters oder der Priesterin in vielen Religionen mit einem besonderen Status und mit besonderen Pflichten verbunden war und ist. Es ist vielleicht meiner lange zurückliegenden katholischen Sozialisation zu verdanken, dass ich verheiratete Bischöfinnen nicht völlig ernstnehmen kann. Warum soll ich einem kirchlichen Amtsträger, der als Mittler in göttlichen Dingen fungiert, eine besondere Autorität zubilligen, wenn der Mann (die Frau) mit denselben Widrigkeiten, Verpflichtungen und Versuchungen zu kämpfen hat wie ich? Vermutlich wird die Kirche nicht umhinkommen, für gewisse Aufgaben in größerem Ausmaß als bisher Laien einzusetzen, und es ist wirklich nicht einzusehen, weshalb mit großem Aufwand ausgebildete Priester als Animateure und Conferenciers, als Kindergärtner und Seniorenunterhalter auftreten sollen, was sie allzu oft überfordert. Aber es fiele mir schwer, im Kern der Sache, nämlich bei der Eucharistiefeier, dieselben Menschen wirken zu sehen, die ich sonst als verheiratete oder geschiedene oder in familiären Konstellationen verstrickte Mitbürger kenne. Der Gedanke der Askese, die Idee, sich einer großen Sache so ausschließlich zu widmen, dass daneben kein Raum für simple Bedürfnisse mehr bleibt, hat seltsamerweise in anderen Sphären Anhänger gefunden. Politiker, die kein Privatleben mehr kennen, Börsenmakler und Wirtschaftsbosse, die eine 80-Stunden-Woche absolvieren, leben eine moderne Variante des Zölibats. Der Sohn einer Freundin arbeitet als Broker in London, und es versteht sich von selbst, dass er mehr oder weniger Tag und Nacht damit beschäftigt ist. Der Gott des Geldes verlangt von seinen Dienern zuweilen mehr als der Gott der Christen. Der erwähnte Mann allerdings trägt sich mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen und von seinen Erträgen zu leben. Diesen Unterschied gibt es immerhin: Der Geldgott verlangt nicht unbedingt lebenslange Treue.
Kafka
Einer meiner liebsten literarischen Texte ist Kafkas Erzählung Kinder auf der Landstraße. Sie ist das erste Stück seines ersten Buches, der Sammlung von Prosastücken Betrachtung (1912), und sie beginnt so:
"Ich hörte die Wagen an dem Gartengitter vorüberfahren, manchmal sah ich sie auch durch die schwach bewegten Lücken im Laub. Wie krachte in dem heißen Sommer das Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter kamen von den Feldern und lachten, daß es eine Schande war.
Ich saß auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen den Bäumen im Garten meiner Eltern.
Vor dem Gitter hörte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im Augenblick vorüber; Getreidewagen mit Männern und Frauen auf den Garben und rings herum verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen Herrn mit einem Stock langsam spazierengehn, und ein paar Mädchen, die Arm in Arm ihm entgegenkamen, traten grüßend ins seitliche Gras.
Dann flogen Vögel wie sprühend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken, sah, wie sie in einem Atemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, daß sie stiegen, sondern daß ich falle, und fest mich an den Seilen haltend aus Schwäche ein wenig zu schaukeln anfing. Bald schaukelte ich stärker, als die Luft schon kühler wehte und statt der fliegenden Vögel zitternde Sterne erschienen."
Sie lachten, dass eine Schande war – der Satz hat sich mir seit langem eingeprägt, vor allem wegen seiner Melodie. Und auch dieser: Sie traten grüßend ins seitliche Gras. Auch hier diese bestrickende Melodie. Aber da ist auch eine sommerliche Verwegenheit, die mich an eigene Kindheitstage erinnert, an diese fröstelnde Erfahrung, wie groß und weit die Welt ist, an diese grenzenlose, berauschende Offenheit, an diese vollkommene Gegenwart. Jetzt aber fiel mir etwas Banales auf: Dass die Bewegung der Mädchen einer Verbeugung gleichkommt. Es ist nicht die Situation, dass Spaziergänger einander ausweichen, während die einen auf dem Weg bleiben und die anderen ins Gras treten. Es sind, was mir bislang entgangen war, Signale einer Klassengesellschaft, die hier sichtbar werden. Das beginnt bei den lachenden Arbeitern, die endlich dem Feierabend entgegengehen dürfen. Und es setzt sich fort mit dem "Herrn" und seinem Spazierstock, der offenbar ein Mitglied der Bourgeoisie ist, und den Mädchen, die keine Kinder sind (die kommen später), sondern eben Dienstmädchen, für die es selbstverständlich ist, der Respektsperson auszuweichen und sie ehrerbietig zu grüßen. Der Erzähler aber ist ein Bürgerkind, das im Garten schaukelt und bei Kerzenlicht sein Nachtmahl serviert bekommt. Später aber, als die Kameraden herbeischwärmen, als man gemeinsam in den Abend hinausläuft ("Bald rieben sich unsere Westenknöpfe aneinander wie Zähne, bald liefen wir in gleichbleibender Entfernung, Feuer im Mund, wie Tiere in den Tropen"), entsteht so etwas wie eine schöne Anarchie, eine freie, unterschiedslose Republik der Kinder, für diesen einen Augenblick dieses einzigartigen Sommerabends, der mit dem letzten Satz aufhört: "Wie könnten Narren müde werden?" Hier ist Kafka heiter im Sinne Hölderlins, ganz leicht und dem Himmel zugewandt.
Ausländer
Die neuerdings wieder entflammte Ausländerdebatte führt insofern in die Irre, als es nicht um Ausländer generell geht, sondern um ganz bestimmte Ausländer. Dass die Deutschen ausländerfeindlich seien, ist im allgemeinen nicht wahr. Als Bewohner eines Landes in der Mitte hatten sie immer mit Ausländern zu tun, und Dänen, Schweden, Franzosen, Niederländer sind nie auf besondere Feindschaft gestoßen, von nationalistischen Ausbrüchen in Kriegszeiten abgesehen. Als nach dem Krieg die Amerikaner kamen, wurden sie meist bewundert, in jedem Fall von uns Jüngeren, die wir ihre Autos und ihre Musik toll fanden. Auch die Gastarbeiter, die aus Spanien, Griechenland, Italien kamen, stießen nicht auf eine allgemeine Feindseligkeit, im Gegenteil. Die Deutschen goutierten mehrheitlich die Bereicherung ihrer Küche durch Pizza, Paella, Moussaka. Und später waren die polnischen Au-pair-Mädchen, Anstreicher und Altenpfleger sehr willkommen. Auch ist nicht bekannt, dass sich die Deutschen gegen die Beherrschung der technischen Warenwelt durch die Japaner gewehrt hätten. Das Ressentiment gegen Fremde, von dem der depravierte Kleinbürger erfüllt ist, hat es immer gegeben, es richtete sich zuweilen auch gegen fremde Inländer, gegen die "Preußen" etwa. Man kann es auf den Punkt bringen, dass niemand etwas gegen Ausländer hat, die ihre Hotelrechnungen bezahlen. Der gegenwärtige Konflikt hat vor allem mit jenen Einwanderern und ihren Nachkommen zu tun, die aus einem nichtwestlichen oder antiwestlichen Kulturkreis stammen, aus dem der islamisch geprägten Welt. Da tut sich in der Tat ein "clash of civilizations" (Huntington) auf, den eine kluge Integrationspolitik, an der es leider mangelt, nur mildern, den sie aber nicht beseitigen könnte. Erdogans Bemerkung, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ist nicht nur ungeheuerlich, sie zeigt auch, dass hier zwei Welten aufeinanderstoßen. Die Konfliktlinie geht ja auch mitten durch die hier gemeinten Ausländer hindurch. Nicht wenige Türken in diesem Land sind geachtete Geschäftsleute, Politiker, Schriftsteller, die kein Interesse daran haben, dass eine womöglich islamistische Parallelkultur durch türkischsprachige Schulen gehegt wird. Man kann übrigens auch beobachten, dass die Teilnehmer an dieser Debatte umso weicher und friedlicher argumentieren, je weiter sie von den kritischen Arealen entfernt leben. In Eppendorf kann man die schönen Seiten des multikulturellen Lebens durchaus genießen.
Unsere Sprache: Editorial
Die wenigsten Chefredakteure heißen Hegel, dessen Vorrede zur Phänomenologie des Geistes fast ebenso bedeutend ist wie das Werk selber. Sie lieben es, Editorials zu schreiben, und noch mehr, sich selber dabei abzubilden. Frau J. vom Feinschmecker zum Beispiel sieht seit Jahr und Tag immer gleich verlockend aus, ihre Locken ergrauen nie, Herr O. vom stern trägt immer dasselbe Hemd und Herr B. von Chrismon lächelt den Leser an, als wollte er ihm die Nase abbeißen. Editorial soll irgendwie wichtig klingen, dabei ist ganz unklar, wer es außer den Verfassern eigentlich braucht. Ich selber lese sie nie, weil ich mich imstande fühle, das Heft auf eigene Faust durchzublättern, auch ohne den Hinweis auf die geniale Komposition dieser überaus gelungenen Nummer. Schon gar nicht mag ich es, wenn ich als „lieber Leser“ angequatscht werde. Leser sind nicht lieb, jedenfalls die guten nicht. Wer durchaus glaubt, einleitend etwas sagen zu müssen, könnte „Zum Geleit“ darübersetzen. Das hätte etwas leicht Gravitätisches, dem dann auch eine gewisse Gravitas folgen müsste. So aber weiß der kundige Leser: Was sich Editorial nennt, kann er folgenlos übergehen.
JANUAR 2008
Rot-rot
Die Wahlen in Niedersachsen und Hessen haben nach langer Zeit wieder eine linke Mehrheit sichtbar gemacht: Es wäre jetzt möglich, die CDU-Regierung in Wiesbaden abzulösen, so wie es vermutlich in Hamburg bald möglich sein wird (würde). Das ginge aber nur, wenn die SPD mit der jetzt eindrucksvoll in die beiden Landtage eingezogenen Linkspartei koalieren könnte. Es läge nahe, weil die Linke Fleisch vom Fleisch der SPD ist, sie kommt aus demselben Ursprung, hat ähnliche Ziele, was übrigens in der Hauptsache auch für die Grünen gilt, deren teilweise konservative Herkunft in den Hintergrund getreten ist. Die SPD steht der Linken viel näher als der FDP, um die sie jetzt in Hessen erfolglos wirbt. Die durch das Wahlergebnis de facto zustande gekommene linke Mehrheit drückt nichts anderes aus als die simple Tatsache, dass die soziale Frage, also die Frage nach der Gerechtigkeit der Lebensverhältnisse, wieder in die Mitte der Gedanken und Empfindungen getreten ist, jedenfalls derer, die überhaupt noch wählen, wobei man vermuten darf, dass diese Frage auch die wachsende Zahl der Nichtwähler berührt, die allerdings nicht mehr daran glauben, die Teilnahme an einer Wahl könnte etwas zu ihrer Beantwortung beitragen. Warum also sträubt sich die SPD gegen eine Zusammenarbeit mit der Linken fast so erbittert, als würde ihr eine Koalition mit der NPD angetragen? Es handelt sich hier nicht allein um den gerechten Zorn gegen den zynischen Volkstribun Lafontaine, sondern um ein uraltes Trauma, das die Partei von Anfang an begleitet und in der Abspaltung der USPD ihren tragisch gewordenen Ausdruck gefunden hat. Die SPD ist eine Programmpartei, die immerzu von dissidentischen Strömungen bedroht (auch befruchtet) wurde – ohne sie wäre die politische Debatte halb so spannend. Denn die CDU ist, von wenigen Phasen abgesehen (etwa das singuläre Ahlener Programm), nie eine Programmpartei gewesen, sondern immer eine Machtgewinnungs- und Machterhaltungspartei. Man kann sie wählen oder es auch lassen, es geht einem nicht nahe. Die SPD geht jedem nahe, der die soziale Frage und ihre derzeit gänzlich im Irrealen verschwimmende Lösung im Auge hat. Vielleicht kann man sogar sagen, dass die Spaltung eben darin besteht: Die Linke hat nur irreale Antworten, und die SPD kämpft darum, das Notwendige mit dem Möglichen zu versöhnen. Eigentlich müsste man die SPD deshalb lieben. Um sie aber lieben zu können, müsste sie mehr Traditionsbewusstsein, Selbstbewusstsein ausstrahlen. Mag sein, dass es der opportunistische Hyperrealist Schröder war, der geholfen hat, es ihr auszutreiben. Jedenfalls scheint die Anwesenheit der Linken nun auch in westdeutschen Landtagen ein nicht mehr verhinderbares brutales Faktum, und je eher es der SPD gelingt, dieses Faktum politisch umzusetzen, anstatt davor zu fliehen, umso besser für die Partei und für das Parteiensystem. In jedem normalen Land Westeuropas gibt es linke, sozialistische Parteien, und insofern ist die Einzug der Linken in Hessen und Niedersachsen ein Zeichen der Normalisierung. Mit Normalität aber waren die Deutschen selten spontan vertraut.
Rauchverbot
Gleich, welchen Beipackzettel welcher Arznei man auch liest: Der erste Ratschlag richtet sich gegen den Genuss von Alkohol und Nikotin. Ob Schnupfen oder Leistenbruch, ob Krampfadern, Fußpilz oder Blasenkatharr: Rauchen und Trinken sind einzustellen! Wobei es für den neuen Puritanismus bezeichnend ist, dass er großartige Erfindungen der Menschheit wie die Zigarre oder den Wein auf ihre chemischen Stoffe reduziert. Moderierte im Herbst einen Abend mit Rüdiger Safranski und seinem Romantik-Buch, wir saßen danach zusammen, speisten, tranken und rauchten. Safranski bot mir eine „Maria Mancini“ an, jene Zigarre, die Hans Castorp zu rauchen pflegte. Sehr schön. Denkbar, dass eine bestimmte Form abendländischer Gebildetheit mit solchen Genüssen zusammenhängt und ohne sie verkommt. Man muss aber die neuen und jetzt überall wirksamen Rauchverbote begrüßen, weil sich der Genuss mit dem Verbot steigert. Er wird seltener und dadurch wertvoller. Die Geschichte der Prohibition in den USA ist auch in diesem Punkt lehrreich.
Hemmungen
„Es ist gut, gehemmt zu sein, wie eine Sprungfeder, die gespannt ist.“ (Montesquieu)
Dummheit und Fleiß
In seinem neuen Buch erzählt Enzensberger folgendes: „Als der General Kurt von Hammerstein einmal gefragt wurde, unter welchen Gesichtspunkten er seine Offiziere beurteile, sagte er: ‚Ich unterscheide vier Arten. Es gibt kluge, fleißige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleißig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul; sie machen in jeder Armee 90 Prozent aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleißig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.‘“ (Hans Magnus Enzensberger Hammerstein oder Der Eigensinn, Suhrkamp 2008, S.77) Der Gedanke lässt sich leicht auf andere Gebiete übertragen, etwa auf die Politik, wo die Klugen und Fleißigen, wenn wir Glück haben, an der Spitze stehen. Wenn die Dummen und Fleißigen es schaffen, dann gnade uns Gott. Der seit längerem wieder vorherrschende Leistungswahn befördert eine scheinbar nützliche, am Ende schädliche Mischung aus Dummheit und Fleiß. Spricht man mit Eltern über die Ausbildungssituation ihrer Kinder, dann berichten sie oftmals mit kleinem Mitgefühl und großem Stolz, wieviel ihre Kinder im Studium pauken müssten, als wäre das Studium eine Medizin, die umso besser wirkt, je bitterer sie schmeckt. Wo lernen die Kinder (Studenten) heutzutage das produktive Faulsein, also das Zu-sich-selber-kommen, aus dem dann wirkliche Kreativität erwachsen könnte?
DEZEMBER 2007
Die Presse
Das ökonomische Denken durchströmt alle Kapillaren des vergesellschafteten Subjekts. Die „Nachrufe“ auf Stefan Aust, dessen Vertrag als Chefredakteurs des Spiegels nicht verlängert wurde, rühmen vor allem die Tatsache, dass er Auflage und Umsatz gesteigert habe, was in der Tat keine geringe Leistung ist. Es würde aber der Gedanke nicht schaden, dass Zeitungen sich vormals keineswegs als Papierproduzenten verstanden haben, die den Charakter ihrer Ware allzeit dem Geschmack ihres Publikums anzupassen versuchten. Auch wäre der Hinweis nötig, dass Aust aus dem Spiegel eine seifige Angelegenheit gemacht hat, von der man nicht weiß, wohin sie will und wofür sie steht. Das scheint keine Rolle zu spielen, denn der Erfolg zählt. Auf diese Weise wird sich die Presse selbst ruinieren. Insgeheim verachtet sie das Publikum, und wehe, wenn das Publikum es endlich merkt.
Katholiken
Beim festlichen Patronatsgottesdienst der Gemeinde St.Elisabeth in Harvestehude: Zwischen den prachtvollen, gleichwohl ablenkenden musikalischen Blöcken aus Haydns Mariazeller Messe durfte auch die Gemeinde das eine oder andere Lied singen. Eines begann so: „Ich steige ein in das Leben, steige aus aus dem Tod.“ Bei der Hamburger Sparkasse gibt es Einsteigerkredite. Ihnen fehlt möglicherweise der Segen des Erzbischofs Thissen, der die Messe zelebrierte. |