Ohne Kriterien wäre der Kritiker nichts. Andererseits ist er nicht Moses, der Verfehltes im Dienst eines literarischen Grundgesetzes verfolgen müsste. Denn erstens kann es unter den vielen Neuerscheinungen nur einige gute geben, und zweitens ist das literarische Urteil immer auch ein Geschmacksurteil, woraus folgt, dass ein Buch, mag es auch vielen anderen gefallen, nicht unbedingt auch mir gefallen muss. Weshalb dann Verrisse? Das literarische Leben gleicht einem andauernden Gespräch, und jede Literaturkritik ist eine Wortmeldung. Man kann, wenn man ins Archiv steigt, an der Rezeption vieler Werke verfolgen, wie die Rezensenten ausdrücklich oder insgeheim aufeinander antworten (hier und da auch voneinander abschreiben), und bei besonders prominenten Büchern lässt sich zeigen, wie auf eine Reihe von Hymnen gewissermaßen notwendig der Verriss folgt oder auf einige Verrisse der große Rettungsversuch. Diese Vielfalt ist alles in allem gut, weil sie den Pluralismus der möglichen Sichtweisen und Meinungen dokumentiert. Schlimm wäre es, wenn es das ein für allemal gültige Urteil wirklich gäbe. Verrisse sind nichts anderes als der Zwischenruf „Einspruch, Euer Ehren!“
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